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Kurz vor dem Ziel - Kenneth
Blitzlichter

Kurz vor dem Ziel – Fragen an die Autor_innen der Schreibwerkstatt In Zukunft III

Am ersten 7./8. Mai 2016 findet das letzte Workshop-Wochenende In Zukunft III statt, danach werden die Stücke nur noch fein geschliffen und liegen als fertige dramatische Werke der Jury zur Lesung und Begutachtung vor. So kurz vor der Zielgeraden möchten wir wissen: Was hat das Projekt den Teilnehmenden gebracht?

In welcher Weise hat der Workshop Dein Schreiben beeinflusst? Was hat sich am meisten verändert: Dein Thema, Deine Dramaturgie, Deine Figuren oder Deine Sprache? Und wie hat es sich verändert – kannst Du das ein wenig beschreiben?

Eher als mein Schreiben hat der Workshop meine Haltung als Schriftsteller beeinflusst und verändert. Bevor der Workshop angefangen hat, habe ich mich als Theaterschauspieler und Regisseur betrachtet, der ab und zu mal Stücke schreibt. Im Workshop wurde ich aber immer als Autor von den anderen wahrgenommen, womit ich mich ernsthaft auseinander setzen musste, um dann tatsächlich festzustellen dass ich auch Autor bin. Damit kam eine gewisse Disziplin in meine Beziehung zum Schreiben. Thema, Dramaturgie, Figuren und Sprache haben keine großen Veränderungen erfahren.

Wie würdest Du jetzt, nach fast acht Monaten, Dein Stück kurz zusammenfassen? Um was geht es darin?

Der Titel: Motten.Zwei legendäre Heimatlose – Der fliegende Holländer und Ono no Komatchi (eine japanische Dichterin des 9.Jh.) – treffen sich an einem geschützten Ort, wo eine perfekte Hochzeit unmittelbar stattfinden wird.
Was dann geschieht könnte man als eine Meditation über die Vergänglichkeit betrachten. Die ewige monogame Liebe wird hier als Beispiel benutzt, um sich mit Verlangen, Sehnsucht, Angst, Grenzen, Heimat und Ankommen auseinanderzusetzen. Die vollkommene Akzeptanz der Vergänglichkeit wird als ein möglicher Weg aus den politischen, ethischen, persönlichen und spirituellen Krisen dargestellt, in denen wir uns gerade befinden.
Gleichzeitig stellt das Stück die Rolle des Theaters in diesen Krisen in Frage. Es stellt die Hypothese auf, dass das Theater eine lebendige, aktive Praxis für Darsteller und Zuschauer sein kann, um sich im Hier und Jetzt zu ankern.

Was hast Du durch die Werkstattgespräche mit den anderen Teilnehemer_innen erfahren, was Du vielleicht alleine am Schreibtisch nicht herausgefunden hättest? Was hat Dich am meisten inspiriert?

Das kritische, analytische Nachdenken über das Material, sei es mein eigenes oder von anderen, die Entwicklung der verschiedene Stücke durch diese regelmäßigen Auseinandersetzungen, das waren die zwei Phänomene, die ich begeistert beobachten konnte, und die mich auch inspiriert haben.

Welche Wirkung erhoffst Du Dir von Deinem Stück? Was möchtest Du den Lesenden mitteilen, was einem Theaterpublikum auf den Weg geben?

Das weiß ich wirklich nicht, ich mache mir keine Gedanken darüber…

Während des Workshop-Prozesses hat sich die gesellschaftliche Situation in Deutschland und Europa stark verändert. Etwa eine Million Flüchtlinge hat in Deutschland Zuflucht gefunden. Doch nun sind die Grenzen überall in Europa dicht gemacht, neue rechte Bewegungen schüren die Angst vor dem „Fremden“ und Anderen. Asylunterkünfte brennen, Terroranschläge der IS in Paris und Brüssel verbreiten eine Atmosphäre der Hysterie und Unsicherheit. Was denkst Du als Autor_in mit persönlicher Migrations-geschichte über diese Entwicklung? Welche Antworten kann das Theater darauf geben? Wie kann es eine demokratische Gesellschaft und seine Vielfalt stärken?

Ich glaube nicht an Regierung. Ich glaube nicht an Demokratie. Ich glaube nicht an Kommunismus, Totalitarismus, Feudalismus oder Monarchie. Ich glaube nicht, dass ein Dialog zwischen Unterdrücker und Unterdrücktem möglich ist. Ich glaube nur an die individuelle Verantwortung, an eine individuelle Ethik, die einen jeden Gedanken, jedes Wort und jede Tat im Hier und Jetzt durchwirkt. Das erfordert ein Theater, das, in erster Linie eine ethische und moralischer Wahl ist, völlig unabhängig von allen politischen und wirtschaftlichen Höhen und Tiefen. Das Theater kann keinen radikalen Wandel auf sozial-politischer Ebene bewirken. Bestenfalls kann das Theater eine Erfahrung sein (die immer persönlich und subjektiv ist), und eine Energie der Heilung freisetzt, vielleicht Fragen provoziert und die Leute aus ihrer Komfort-Zone herausholt. Vielleicht verankert es uns im Hier und Jetzt, vielleicht wachen wir auf, bewusst und präsent. Vielleicht.

Was wünschst Du Dir in Zukunft von In Zukunft?

Mehr als Wettbewerb und Jury-Entscheidungen, hätte ich mir vielleicht ein Art Festival gewünscht, wo alle Stücke tatsächlich produziert werden und vor einem Publikum präsentiert werden – wenn vollständige Produktionen nicht finanziell möglich sind, denn mindestens szenische Lesungen. Durch diesen Prozess entstünde auch die Möglichkeit für die Autoren und Autorinnen, die keine praktische Erfahrung mit dem Theater haben, in enger Zusammenarbeit mit Regisseuren und Schauspielern, an ihren Stücken weiter zu arbeiten, bis zur „Erstaufführung“.

Das kritische, analytische Nachdenken über das Material, sei es mein eigenes oder von anderen, die Entwicklung der verschiedene Stücke durch diese regelmäßigen Auseinandersetzungen, das waren die zwei Phänomene, die ich begeistert beobachten konnte, und die mich auch inspiriert haben.
Kenneth George
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