Schmerzliche Heimat

Semiya Simsek, Peter Schwarz. Eine Koproduktion mit dem Theater Hof
Uraufführung // In einer Bearbeitung für das Theater von Christian Scholze
Inszenierung Christian Scholze >> Ausstattung Imme Kachel >> Theaterpädagogik Sabine Eschen >> Abendspielleitung Thomas Tiberius Meikl >> Regieassistenz Thomas Tiberius Meikl >> Semiya Simsek Anke Jansen >> Adile Simsek u.a. Susanne Kubelka >> Enver Simsek u.a. Neven Nöthig

Zum Stück (Material zum Download vorhanden)

Ein Blumenstand an einem Autobahnzubringer bei Nürnberg, es ist der 9. September 2000, ein Samstag. Enver Simsek hat aushilfsweise für einen Bekannten an diesem Wochenende den Straßenverkauf übernommen. Der Blumengroßhändler kehrt noch einmal zurück zu seinen Anfängen. Schon bald will er sich ganz aus diesem Geschäft zurückziehen und sich seiner Familie widmen. Seinen Großhandel hat er verkauft, er freut sich auf einen neuen Lebensabschnitt, auf den Lohn jahrelanger Arbeit.

Als er zwischen 12:45 und 14:15 Uhr aus seinem Wagen etwas holen will, treten zwei Männer auf ihn zu und feuern neun Schüsse auf ihn ab. Enver Simsek ist das erste Opfer der Terrorzelle NSU .

300 km entfernt wird in dieser Nacht seine Tochter Semiya in ihrem Internat aus dem Bett geholt. Sie versteht nicht, warum sie ihre Sachen packen soll. Den Pass nicht vergessen? Mit ihrem Onkel fährt sie nach Nürnberg ins Krankenhaus. Noch bevor sie zu ihrem Vater kann, wird sie von der Polizei gefragt, ob er Waffen im Haus habe. Semiya ist zu durcheinander, um zu verstehen, was von ihr erwartet wird.

Nun erzählt sie. Vom Leben ihres Vaters. Bis zu seinem Tod. Und von ihrem Leben, dem ihrer Mutter, ihres Onkels in den Jahren danach. Jahre, die geprägt waren von Beschuldigungen, Verdächtigungen, Zerstörungen durch die hilf- und orientierungslose Polizei, die Behörden, den Verfassungsschutz. All jene Institutionen, denen es nur darum ging, zu beweisen, dass die Familie in den Mord verwickelt war.

Die Geschichte einer Familie in Deutschland. Opfer einer terroristischen rechtsextremen Vereinigung, Opfer deutscher Behörden.

Was macht das mit einem Menschen? Mit einer Familie? Für Semiya Simsek bedeutet das, an uns alle zu appellieren, nicht alles hinzunehmen, uns unserer Verantwortung für die Gesellschaft bewusst zu sein. Mitzugestalten, damit keine Familie etwas Vergleichbares erleben muss. Gemeinsam, nur das kann die Lösung sein.

Semiya Simsek, geb. 1986 verfasste zusammen mit dem Journalisten Peter Schwarz ihre Erinnerungen an das Leben ihres Vaters und die Jahre nach seinem Tod. Auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer der NSU-Morde am 23. Februar 2012 im Berliner Konzerthaus hielt sie eine stark beachtete Rede. 2013 erhielt sie den nach der französischen Frauenrechtlerin und Schriftstellerin benannten Olympe de Gouges-Preis.

Mit freundlicher Unterstützung der “Sebastian Cobler Stiftung” und des Lions Club Castrop-Rauxel”.

Gefördert vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

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Bisherige Aufführungen

Pressestimmen

„[…] Natürlich ist „Schmerzliche Heimat“ eine subjektive Erzählung. Eben das ist die Stärke. Denn die Nachrichten vermitteln nicht, was ein Mordanschlag in der Familie auslöst. Und wie unterschwelliger Rassismus in diesem Fall das Vorgehen der Ermittler lenkte. Sie habe nie Ausgrenzungen erfahren, sagt die Frau Simsek im Stück. Über Integration habe sie sich nie Gedanken gemacht, weil sie scheinbar selbstverständlich war. […]
Es ging Scholze nicht um eine minutiöse Nacherzählung, sondern um eine verallgemeinerbare Geschichte die über den Einzelfall hinaus weist. […]
Dabei ist seine Inszenierung sehr wirkungsvoll. Susanna Mucha spielt Semiya direkt, schlicht und anrührend, auch Susanne Kubelka überzeugt als Ehefrau des Ermordeten. Während Neven Nöthig mehrere Rollen verkörpert, das Opfer, seinen Bruder, die Polizisten. Das Bühnenbild ist einfach, die Geschichte steht im Vordergrund. […]
„Schmerzliche Heimat“ steht in einer langen Reihe von Projekten über Migrantenthemen. Das Westfälische Landestheater ist zu der NRW-Vorzeigebühne geworden, was die Interkultur angeht. […]“
Welt am Sonntag, Stefan Keim

„[…] Ein großer Wurf. Klug, aufklärerisch, rührend und erschütternd. Auf karger Bühne (Imme Kachel) agieren drei bemerkenswert gute Darsteller. […] Ein großartiges, wichtiges Stück. […]“
Ruhr Nachrichten, Kai-Uwe Brinkmann

„[…] Solche Momente vermitteln mehr als Betroffenheit; für ein paar Augenblicke wird vorstellbar, dass die Familien zweimal Opfer geworden sind. […]“
Westfälischer Anzeiger, Edda Breski

„[…] Christan Scholzes gut einhundertminütige Inszenierung geht gerade in ihrer Nüchternheit an die Nieren. Sie gleitet nie ins Melodramatische ab, auch nicht in so hoch emotionalen Szenen wie der Beerdigung von Enver Simsek oder der verzweifelten Frage Semiya Simseks an ihren Gott: „Wie soll ich das aushalten?“ Alle drei Schauspieler können durch ihre nicht-deutsche Herkunft von einer gewissen Distanz der Außenperspektive profitieren, wenn sie in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen. Dabei fällt Susanne Mucha der schwierigste Part zu: die Entwicklung von einer naiv-unbefangenen 14-Jährigen zu einer schlagartig erwachsen gewordenen, mit viel Herzblut und doch auch reflektierender Coolness abwägend urteilenden 26-Jährigen. […]“
Sonntagsnachrichten, Pitt Herrmann

„[…] Das Landestheater Castrop-Rauxel ist sowieso mit politisch engagierten Stücken hervorgetreten in den letzten Jahren. […]
Obwohl die Schauspieler nicht türkisch-stämmig sind, ist ihre Darstellung glaubhaft. Man muss vielleicht noch dazu sagen, dass zwar alle drei einen Migrationshintergrund haben aber dass der nicht entscheiden ist. Vielmehr bringt die Wahl der Schauspieler ganz schöne Effekte hervor, weil das Thema dadurch verallgemeinert wird. […]
Sie verallgemeinern die Geschichte, es geht nicht nur um Türken und Deutsche, sondern wirklich um den Schicksalsschlag, den eine Familie treffen kann. […]“
WDR 3 Mosaik, Martin Burkert

„[…] Das Stück „Schmerzliche Heimat“ ergründet den ersten der zehn NSU-Morde einfühlsam aus der Opferperspektive. […]
Und die Opfer? Einen „tiefen Blick“ in ihre Seele wagen das Theater Hof und das Westfälische Landestheater. […]
Im voll besetzten Studio (Theater Hof), vor bestürztem, lang ergriffen applaudierendem Publikum, war am Samstag Premiere. […]
Man mag Christian Scholze vorwerfen, in Text und Figurenführung plakativ, fast ängstlich um Political Correctness gerungen zu haben. Allerding, „korrekt“ ist die Botschaft in der Tat; und ist weit mehr: dringlich, unumgänglich. Reaktionsstark, menschlich, glaubhaft, zwischenmenschlich intensiv spielt das Trio der Akteure, als träte es mit seinem lebendigen Engagement gegen die Bösartigkeit der NSU-Todesengel an. […]“
Frankenpost, Michael Thumser

„[…] Regisseur Scholze arbeitet mit Rollenwechseln, Zeitsprüngen und bettet Interviewpassagen der Autorin in die Inszenierung ein. Das Stück sei kein Dokumentartheater, sagt er. „Vielmehr war wichtig, dass das Publikum ein Gefühl oder ein Ahnung davon bekommt, was diese Familie durchmachen musste. […]“
Mittelbayerische Zeitung, Stiliana Doynova

„[…] Sind Leid und Elend im klassischen Stück nur Metapher, „hier“, so Scholze, „passieren sie im Kern der Gesellschaft“. […]“
Westdeutsche Allegemeine Zeitung, Annika Fischer

„[…] Das Stück schildert vor allem das Ringen der Simseks um ihre Heimat, die ihnen lange keine Gerechtigkeit wiederfahren lassen will. Es erzähle „die Geschichte einer eindrucksvollen Frau, deren Anliegen nicht Anklage ist, nicht Vorwurf, heißt es im Programmheft. „Ihr Anliegen ist der Appell an jeden Einzelnen, an uns alle, dafür Sorge zu tragen, dass etwas Vergleichbares niemand erleben muss.[…]“
Nordbayerischer Kurier, Michael Weiser