Sophie Schmidt #3: Von der Idee zum Applaus. Oder "die Relevanz von Raufasertapeten" Nr. 2

3 Wochen vor der Premiere

Katastrophe! Wir haben das Bergfest vergessen! Das Bergfest wird normalerweise in der Mitte der Probenzeit gefeiert. Es ist sehr, sehr wichtig, denn es ist ein Grund zum Feiern. Theaterleute sind Meister darin, Gründe zum Feiern zu erfinden, das könnt ihr Euch merken. Wir treffen uns also nachträglich in der “Atrappe” und da wir uns jeden Tag sehen gibt es rein gar nichts zu erzählen. Was uns nicht vom Reden abhält, denn über Theater kann man immer reden, es gibt eine Fülle von Anekdoten, die jeder kennt und die jeder selbst erlebt hat, was zwar unwahrscheinlich ist, aber nicht unmöglich. Das Seemannsgarn der Kollegen in Frage zu stellen, ist sehr unhöflich, das macht man nicht. Bei bedrohlicher Stille kann man immer noch meckern, das zieht immer. Schauspieler haben so viele Sorgen. Zu kleine Schuhe, Liebeskummer, Zweifel am Konzept, an der eigenen Begabung (das ist nicht kokett, das ist herzzerreißend!), Husten und Schlafmangel. Man kann als Schauspieler wunderbar nachts um 3 vor einer halbleeren Schachtel Lungenbrötchen in irgendeiner Kneipe sitzen und über Husten und Schlafmangel klagen, das ist kein Problem. Es wird später, Allianzen schließen sich, es wird Bruderschaft getrunken, Pärchenbildung ist möglich. Wie ich nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich weiß noch, dass wir getanzt und gesungen haben und dass mir irgendwann jemand beibringen wollte verschiedene Rumsorten zu unterscheiden. Es war eine mittelgute Idee. Ich schaue morgens 15:00 Uhr in den Spiegel und sehe einmal mehr, was dabei herauskommt, wenn ich mich selbst schminke. Fingerfarbengemälde sind ein Dreck dagegen. Meine Haare haben ordentlich Volumen. Ich bin offensichtlich eine Hexe.
Mein schlechtes Gewissen bringt mich dazu, in den folgenden Tagen früh ins Bett zu gehen, gesund zu essen, vor der Zeit zur Probe zu fahren und mit rotem Kopf durch die Randbezirke von Dortmund zu stolpern. Vielleicht ist das der eigentliche Zweck des Bergfestes, dem Schauspieler ein schlechtes Gewissen zu machen und die Arbeitsmoral für die Endprobenphase zu erneuern. Die Kollegen vor meiner Zeit waren sehr kluge Leute.

1 Woche vor der Premiere

Endprobenwoche und Endprobenwochenstress. Meine Wohnung ist ein Schlachtfeld, meine Familie gibt eine Vermisstenanzeige auf. Ich wohne im Theater. Morgens und Abends meist ein Durchlauf mit anschließender Kritik, nachmittags technische Einrichtung für die Kollegen hinter der Bühne, für die Schauspieler: Maskenproben, Nachbereitung der Probe, Kaffee trinken, Anproben. Anproben sind toll. Ich komme rein, lege ab und ziehe ein Kostüm an, das nur mir passt, es ist ein Mädchentraum (meistens, das Leben ist kein Ponyhof). Bei der Anprobe wird das Kostüm zur Änderung abgesteckt, gekürzt, ausgelassen, ach, man kann so vieles mit Kostümen machen. Die Damen aus der Schneiderei sagen mir beim Abstecken jedes Mal, dass ich abgenommen hätte. Ich weiß, dass sie lügen, meine Maße ruhen grausam dokumentiert das ganze Jahr über in einer Schublade und haben sich seit ich hier arbeite nicht geändert. Aber warum streiten, wenn man sich auch einfach freuen kann? Ich bekomme meine Schuhe mit auf die Proben und lerne laufen. Von Nilpferd auf Gazelle in einer Woche. Intensives Raufasertapete anstarren nagt an meinem Nachtschlaf. Die Rolle arbeitet kräftig, meistens wird sie erst gegen Mitternacht so richtig wach und dann ist Fasching (ich weiß, ich weiß: es heißt eigentlich Karneval, liebe Lokalpatrioten seid nachsichtig) in meinen Träumen. Trotzdem habe ich viel Energie in diesen Tagen. Es ist die rätselhafte Endprobenenergie. Mein Körper stört sich an gar nichts, er läuft einfach im Dauerbetrieb so vor sich hin und ist für alles zu haben, nur nicht für den Alltag. Ich bin unfähig Geschirr in die Hand zu nehmen oder Staub zu saugen oder zu lesen, es geht einfach nicht.
Wir wechseln von der kleinen Probebühne in die große Stadthalle, stehen verloren vor den leeren Reihen und kämpfen uns durch eine ganz besondere Akustik. Nichts haut mehr richtig hin, es ist wie verhext. Ich nehme mir vor, aufgeräumt und rational mit allen auftauchenden Problemen umzugehen und verfalle zehn Sekunden später in helle Panik. Ich gehe aufs Klo und heule ein bisschen. Danach geht es mir besser. Innerhalb von ein paar Tagen haben wir unsere Inszenierung wiedergefunden. Ehrgeiz, Angst, Endspurt. Man sagt am Theater, die Generalprobe müsse schlecht laufen, damit die Premiere gut wird. Das haben die weisen Kollegen vor meiner Zeit in die Welt gesetzt, weil sie erfahren hatten, dass bei jeder Generalprobe irgendetwas schief läuft. Ein Texthänger, eine Verletzung, ein Umbau. An so einem Stück sind einfach viele Leute beteiligt, und jeder muss zu einer bestimmten Zeit genau das Richtige tun. Irgendwer schläft immer und das Schicksal tut sein Übriges. Für eine gute Premiere muss die Generalprobe ungefähr so aussehen:
Ein Darsteller steht im Stau, einer verpennt, die Maskenzeiten verschieben sich nach hinten. Die, die schon da sind streiten sich, weil einer von Ihnen eher in die Maske muss und keiner möchte. Der Kaffee ist alle, weil ich ihn ausgetrunken habe. Ich habe schlimmes Lampenfieber, meine Augen schwitzen in der Folge und mein Augen-Make-up muss neu gemacht werden. Alle laufen herum und sprechen sich ein oder machen Text, dabei gehen wir einander wahnsinnig auf den Zeiger. Wir werden gerade noch rechtzeitig mit Maske und Kostümen fertig, es kann pünktlich losgehen. Wir steigen viel zu hoch ein. Um bis in die letzte (leere) Reihe vorzudringen wird nunmehr gebrüllt, nicht mehr gesprochen. Ich habe einen Umzug und muss schnell zum Auftritt, ich weiß aber nicht mehr auf welche Seite, ein anderer Kollege auch nicht. Wir rennen auf dem Gang aneinander vorbei, sind beide falsch, kreuzen wieder. Außer Atem stolpern wir auf die Bühne. Texthänger, die Souffleuse muss ran. Alle sind frustriert, alle stehen sich im Weg. Großes Finale vor der Pause, der Hauptdarsteller will im Alleingang den Abend retten und schmeißt sich in die Szene als wenn sein Leben davon abhinge. Als er mit zitternder Stimme, berauscht von der eigenen Begabung und spuckend rückwärts läuft, fällt er von der Bühne. Als er unten ankommt baut er spontan ein lautes “Ah! Scheiße!” in seinen Monolog ein. Der Regisseur bricht ab. Leute laufen besorgt zur Unfallstelle. Bein gebrochen, Krankenwagen. Nach einer Unterbrechung setzen wir fort, der unglückliche Regieassistent läuft mit einem Textbuch von A nach B und vertritt den Invaliden. Wir schleppen und zerren uns gegenzeitig durch den letzten Akt. Kurz vor Schluss klappt ein Umbau nicht. Unser armer Regisseur ist am Ende, er tickt aus. Weil er kein Schauspieler ist verstehen wir nicht genau, was er schreit, tendenziell ist es aber negativ. Wo kurz vorher noch emsiges Treiben herrschte, nämlich auf und hinter der Bühne, ist es zehn Sekunden nach Beginn des Ausbruchs totenstill, das Theater ist menschenleer. Nur eine einsame Windkutsche rollt über die Bühne. Zeit vergeht. Die ganz Mutigen krabbeln schon nach einigen Minuten aus ihren Verstecken. Menschliche Kräfte sind endlich, das wissen sie. Und tatsächlich ist vom Hass auf Alles und Jeden nur ein roter Kopf geblieben. Der Ton wird normaler, wir gehen eine Szene zurück, kommen durch, ziehen uns um und sitzen gegen 23:00Uhr schuldbewusst und hundemüde bei der Kritik. Sie ist kurz, auch Regisseure müssen manchmal schlafen.

Premierentag

Morgens ist Krisensitzung. Gegen Mittag steht fest: es wird gespielt. Der Hauptdarsteller entlässt sich auf eigene Verantwortung aus dem Krankenhaus. Solang man noch irgendwie laufen kann, und sei es mit Krücke, kann man auch spielen, das könnt ihr euch auch noch merken. Eine Stellprobe wird angesetzt um seine akrobatischen Einlagen und Tanzsolos irgendwie umzubauen. Was für den armen Kollegen und für uns eine Katastrophe ist, wird später in der Zeitung als großartiger Regieeinfall gelobt werden, das wissen wir aber noch nicht und sind total verzweifelt. Während der Regieassistent am Telefon hängt um alle zusammenzutrommeln, hetze ich auf der späten Suche nach einem Toi-Toi-Toi-Geschenk durch die Stadt, also durch die drei Geschäfte, die um den Castroper Busbahnhof verteilt sind. Ein Buchladen, ein Fleischer und Kik. Nein. Entschuldigung! Ich habe die Dönerbude vergessen. Castroper Kaninchendöner – eine lokale Spezialität, die ich wärmstens empfehlen kann, ist auch immer etwas günstiger als der Normale, nur falls ihr mal hier Urlaub macht. Aber weiter im Text, der Premierentag ist kurz! Der Buchladen scheint mir am ergiebigsten zu sein. Meine Kollegen sind auch schon da. Wir stehen alle beschämt um den Postkartenstand. `Was soll’s?`, denke ich. Es gibt bestimmt für alle genug Motive, die originell sind und zum Thema des Stückes passen. Preiswert ist es außerdem, wofür sich also schämen? Noch schnell nach Hause, Karten beschriften, Duschen, nicht essen, nichts denken und ab ins Theater. Wir stellen alles um, mein kleines Gehirn humpelt einer Flut von Informationen hinterher und versucht sie einzusammeln. Stresshormone versetzen es dazu in die Lage. Kurze Pause, auf die ich gut verzichten könnte, denn mein Körper ist im Fluchtmodus. Ich könnte mich mit Pippi Langstrumpf prügeln und würde gewinnen, selbst wenn Herr Nilsson zu Hilfe käme. Oder in fünf Minuten eine Doppelgarage hochziehen. Kurz: Ich bin auf Hundertachtzig und habe seltsame Gedanken. Kostüm, Maske, die Zeit rast. Halb Acht, das erste Zeichen. Spucken. Spucken, spucken, spucken. Man muss allen, allen Leuten über die linke Schulter spucken und die Toi-Toi-Toi-Geschenke verteilen, kein Wunder dass die Zeit immer knapp wird! Das zweite Zeichen, noch eine viertel Stunde. Rennen. Nachdenken. Trinken. Die Ankleiderin zupft mein Kostüm zu Recht. Ich hasse das, weil man dabei stillstehen muss und das kostet mich gerade entsetzlich viel Kraft. Danach renne ich den Gang auf und ab oder hüpfe oder mache einen Handstand. Das dritte Zeichen. Ich gehe auf Position. Wir stehen an der Seite, in der Nullgasse, hören dem Publikum zu, flüstern `Viel Spass!`und `Hals-und Beinbruch!` und umarmen uns um einander Mut zu machen. Es hilft wenig. Ich habe Angst. Ich möchte weit weg laufen. Ich möchte Bürokauffrau sein. Und zwar in Sachsen, nicht in Castrop. Aber das geht nicht und das weiß ich auch. Irgendwann wird der Saal dunkel, das Gemurmel lässt nach. Stille. Dunkelheit. Dann, zweihundertachtundvierzig Jahre später: Licht. Ich warte auf mein Stichwort, es kommt, eine Hand drückt meine Hand und lässt los, ich mache einen Schritt nach vorne. Punkt. Mehr ist es nicht. Der schlimmste Teil ist nach diesem Schritt vorbei. Ich war unausstehlich, ängstlich, hektisch, durcheinander. Jetzt bin ich klar. Völlig klar und sicher. Mein Verstand arbeitet sehr genau, mein Körper ist stark und hellwach. Dieser Zustand, in Wirklichkeit ein seltener Idealfall, lässt sich schwer beschreiben und ich bin mir sicher, dass ihn jeder, der auf der Bühne steht anders empfindet und man über sein Wesen herrlich streiten könnte. Er ist aber da. Und er ist einer der wichtigeren Gründe für meine Berufswahl. Es ist eine heilige Ruhe, eine sehr feine Konzentration und eine Ahnung von vollkommener Freiheit. Es ist ein sehr gutes, tröstliches Gefühl. Wie ein zweites Zuhause. Soviel Pathos musst Du aushalten, hochverehrter Leser! Und gesundes Pathos gehört sehr wohl ins Theater, das kannst Du Dir merken!
Zeitsprung. Wieder Umarmungen, ich bin noch nicht ganz da und kann keine ganzen Sätze bilden, wie gut, dass man nur `Glückwunsch!` sagen muss. Später, viel, viel später, nachdem schmutzige Abschminktücher in den Papierkörben gelandet sind, die Kostüme aufgehängt, die Garderoben verlassen worden sind, wir uns zusammen mit Familie, Freunden, Kollegen und einigen Zuschauern im Studiofoyer versammelt haben, der Geschäftsführer eine kleine Dankesrede gehalten und der Intendant sich grinsend angeschlossen hat, ein paar oder auch ein paar mehr Biere getrunken wurden, wir gelacht, gegessen und uns müde getanzt haben, sinke ich, Sophie, 23, Schauspielerin selig in die Kissen. Schluss für heute.