Sophie Schmidt #4: "Die Theatergeister - Aberglaube am Theater" Nr. 1

(HIER entlang zu Nr. 2)

Ich schreibe diesen Text, in dem Wissen, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis ich esoterisch vollkommen durchgeknallt sein werde. Falls ich nicht eher anfange zu trinken oder doch noch etwas Richtiges lerne (Oma, die Antwort ist: Nein!). Und heute Nacht, im Vollbesitz oder wenigstens im Besitz irgendwelcher geistigen Kräfte möchte ich seltsame Rituale, die sich in meine Zunft eingenistet haben, vor langer, langer Zeit vielleicht zum letzten Mal mit gesunder Distanz betrachten. Es geht um eine uralte, schwarze Ader, die in den Köpfen der so weltoffenen Theaterleute pulsiert. Oh, auch in Meinem, lieber Leser! Und mir scheint, sie pocht immer stärker mit zunehmender Berufserfahrung. Die Auseinandersetzung mit dem Thema macht mir, einer erwachsenen Frau mit gut geschliffenen Messern in der Küche, etwas Angst; doch alles für Deine Unterhaltung und keinen Zentimeter der Trödelei!

Es geht um Aberglaube am Theater. Eine feige Diffamierung, die die Theatergeister gar nicht mögen und die ich zum besseren Verständnis und auch nur einmal verwende. Ich will Euch erzählen von den Regeln, die man einhalten muss, um sie nicht zu verärgern, die großen Theatergeister, um den „Bösen Blick“ nicht auf sich zu ziehen und den Satan fernzuhalten!

Beginnen wir bei der Tyrannin unter den Regeln:
Dem Toi! Toi! Toi!. Es ist obligatorisch, ich kenne keinen Schauspieler oder Regisseur, der es nicht sagt. Es ist also sehr, sehr wichtig und es geht so: Kurz vor der Premiere nähert man sich einem frischen, umgezogenen und geschminkten Kollegen auf etwa 20cm, blickt ihm in die Augen, führt seinen Kopf in Parallelbewegung zum Partner auf dessen LINKE Schulter und spuckt lautmalerisch drei Mal aus (T! T! T!) oder sagt Toi! Toi! Toi! (Chorisch ist es besonders schön, finde ich). Geantwortet wird mit „Hals- und Beinbruch!“, „Wird schon schiefgehen!“ oder, bei uns am Haus gängig: „Viel Spass! Schöne Vorstellung!“. Sind diese Worte gesagt, dann hat man das „Spucken“ unbeschadet überstanden und muss das Prozedere nur noch an die dreißig Mal wiederholen. Nun fragt man sich vielleicht, warum man auf einen herzlichen Glückwunsch, untermalt sogar von einer Umarmung und dem Austausch eines kleinen Geschenkes, nicht einfach „Danke!“ sagt. Aber auch wenn man sich nicht fragt, muss ich es erklären, wegen der großen Gefahren, die eine Verletzung der Regel birgt. Niemals, aber auch niemals darf man sich für ein Toi! Toi! Toi! bedanken oder „Viel Glück!“ wünschen! Denn die Theatergeister erlauben sich gern Späße, sie verdrehen alle Glückwünsche ins Gegenteil und dann wird die Vorstellung eine Katastrophe und die Karriere des Schauspielers in Bälde durch Versterben beendet. Also kommen wir den Gespenstern zuvor und drehen die Wünsche einfach um. Das Prinzip kennst Du vielleicht von Schere, Stein, Papier. Und jetzt weißt Du auch, warum die Theatergeister noch keine wichtigen Erfindungen gemacht haben, sie haben den Trick nämlich bis heute nicht durchschaut. Dabei hatten die luftigen Gesellen eigentlich genug Zeit, denn das Toi! Toi! Toi! entstand vor ewigen Zeiten als lautmalerischer Ersatz für das tatsächliche Auspucken über die (LINKE!) Schulter als Schutzzauber gegen böse Geister. Das war Anfang des 19. Jahrhunderts, als Adolph Freiherr Knigge sein Unwesen trieb und das schnöde Ausspucken zunehmend als unfein empfunden wurde. Seine Wurzeln reichen jedoch noch weiter zurück und sind eng verbunden mit anderen Gegenzaubern, wie dem Klopfen auf Holz zum Beispiel. Manche sagen auch, es sei eine Abkürzung für das Wort Teufel und diene dem Zweck, Selbigen zu vertreiben. Aber ich sage das nicht, denn ich fürchte den Zorn der Theatergeister. Auch die Erwiderung „Hals- und Beinbruch“ hat eine lange Geschichte, sie stammt wohl aus dem elisabethanischen Zeitalter und ist damals als einer von vielen Einflüssen aus dem britischen Theater zu uns herübergeschwappt. Es gab damals, erzählt man (Ja gut, liest man im Internet) eine bestimmte Verbeugungsordnung und erst bei frenetischem Beifall und nach einigen Vorhängen kam das „breaking leg“ dazu, eine höfische, schnörkelige Verbeugung. Andere meinen, es stamme vom jiddischen „hasloche un’ broche“ – Glück und Segen. Ich weiß es wirklich nicht, aber ich sage es immer, weil ich finde, dass die Kollegen vor meiner Zeit da einen feinen Humor bewiesen haben. Es gäbe noch viel zu erzählen über das „Spucken“ vor der Premiere, aber wir müssen weiter, um Himmels Willen, es ist fast Mitternacht!

Von WLT-Schauspielerin Sophie Schmidt

(Teil 2 “Verbote” folgt in Kürze.)