Sophie Schmidt #5: "Die Theatergeister - Aberglaube am Theater" Nr. 2

(HIER entlang zu Nr. 1)

Als Nächstes kommen die Verbote. Es gibt fast nur Verbote bei den Theaterregeln, aber auch einige positive Anweisungen, die mir prinzipiell besser gefallen. Diese hier mag ich besonders: Der Schauspieler, der in einer Vollmondnacht nur bekleidet mit dem linken Schuh und etwas Molton (schwarzer Stoff, waschbar, brennt schlecht, schluckt Schall und Licht, wahnsinnig praktisch, hängt viel im Theater rum, hier ist der Wikipedia-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Molton) echte Kamille neben dem Weissglascontainer findet, der passt auch nach der Spielzeitpause noch in sein Kostüm. Eine gute Regel. Doch es gibt sie nicht. Ich habe sie eben erfunden, und bitte frage mich nicht, wie ich auf sowas komme. Ach, Leser!

Aber diese hier gibt es wirklich:
Es ist strengstens verboten im Theater zu pfeifen. Die einen sagen das sei ein Überbleibsel aus den Zeiten als die Theater noch mit Gaslampen beleuchtet wurden und ein Pfeifen das Austreten von Gas aus einer erloschenen Lampe anzeigte. Man bedenke auch, dass die Theater damals noch um Einiges besser brannten als heute. Heute brennen sie gar nicht mehr gut und auch nur noch sehr, sehr selten.

Andere wiederum erzählen, Hafenarbeiter, die mit Seilen umgehen konnten und daher hervorragend in den Schnürboden passten, arbeiteten früher an den Theatern und hätten sich bei der Arbeit pfeifend verständigt. Ich finde diese Variante gar nicht plausibel, aber die Vorstellung von pfeifenden Seemännern im Schnürboden macht mich sehr glücklich. Vielleicht wird das Pfeifen, zusammen mit seinem buckligen Bruder, dem Auspfeifen auch einfach negativ wahrgenommen. Unter Tage zu pfeifen bringt ebenfalls Unglück, vor dem Zubettgehen lockt es den Teufel ins Haus und „Mädchen, die pfeifen und Hühnern, die krähen, soll man beizeiten den Hals umdrehen!“ sagt ein altes deutsches Sprichwort. (alte, deutsche Sprichwörter sind meistens Schrott, aber wenn sie gut in meinen Kontext passen, verwende ich sie gerne) In jedem Fall macht es die Theatergeister böse. Also lass es bleiben, lieber Leser, sofern Du nicht ein Hafenarbeiter bist, der im Schnürboden hängt. Dann pfeife nach Herzenslust!

Was ist noch verboten? Sammele dich, lieber Leser. Die Antwort lautet: Vieles. Man darf im Theater nicht den eigenen Mantel, den eigenen Hut oder eigenen Schmuck tragen. Auf der Bühne sollen keine echten Spiegel oder echte Blumen verwendet werden und man darf auf der Bühne nicht Essen oder Trinken, sofern es nicht zum Stück gehört, nach der Generalprobe darf nicht geklatscht und niemals an einem Sonntag geprobt werden. Und nicht etwa, weil ein Spiegel das Scheinwerferlicht reflektieren könnte, die Requisiteurin vor jeder Vorstellung nach frischen Blumen laufen müsste, der Kaffee zum Rote-Beete-Salat kurz vorm Auftritt Flecken aus das blütenweiße Kostüm machen könnte, man die Anspannung der Schauspieler bis zur Premiere halten will und die am Sonntag auch mal Pause brauchen, sondern weil es einfach schreckliches Unglück bringt. Und warum bringt es schreckliches Unglück? Weil es die Theatergeister … und so weiter.

Außerdem darf ein Sarg, wird er denn für ein Stück benötigt, erst kurz vorher hergestellt oder angeschafft werden, sonst droht einem armen Ensemblemitglied der Tod, wenigstens aber schwere Krankheit. Wir haben einen Sarg, der ständig im Haus ist und bei uns ist immer irgendwer schwer krank, also sage nicht leichtfertig, das sei alles Humbug, verehrter Leser!

Es ist kurz nach Mitternacht und mit zitternden Fingern und schlimmer Gänsehaut taste ich mich jetzt an den gefährlichsten Frevel heran, den man in einem Theater begehen kann. Die englischen Theaterleute fürchten ihn besonders, aber auch in Deutschland wird er streng vermieden – Der Schottische Fluch. Also, lieber, gütiger Leser, ich bitte dich inständig, mit schauerndem Herzen: Sage im Theater niemals laut „Macbeth!“. So. Jetzt ist es raus. Am Theater sagt man statt „Macbeth“ immer „Dieses schottische Stück“ und die Titelrolle wird mit „Der schottische Konig“ bezeichnet, sonst ruft man die Geister der drei Hexen aus Macbeth herbei und die sorgen dann dafür, dass die Aufführung zum Fiasko gerät. Der Geist der Rolle Hekate, die eigentlich immer herausgestrichen wird tut sein Übriges (Ich wäre auch verbittert, an ihrer Stelle!), und so kommt es, dass sich in den zahllosen in Diesem Schottischen Stück vorkommenden Kampfszenen über die Jahrhunderte viele Schauspieler verletzt haben. Wie kann das sein? Es ist der Fluch!
Es gibt noch viele halb verschollene Bräuche und Legenden von denen keiner weiß woher sie kommen und wohin sie verschwinden. Auch wenn ich sicher nur einen Bruchteil davon kenne, will ich die wenigstens noch angerissen haben. Kein Risiko eingehen! Fällt ein Textbuch auf den Boden, so muss man drei Mal darauf Treten, bevor man es wieder aufnehmen darf. Der letzte Satz des Stückes darf erst zur Premiere gesprochen werden, damit das Stück erst an diesem Tag fertig wird.
Babypuppen müssen immer mit dem Gesicht zum Requisitentisch abgelegt werden und unter keinen Umständen darf eine Pfauenfeder auf der Bühne getragen werden, das zieht den Bösen Blick auf ein Mitglied der Truppe. Eine Katze am Theater bringt Glück. Theaterratten bringen hingegen kein Glück. Ein Zusammenhang besteht nicht. Bei der Neueröffnung eines Theaters muss man einen Klumpen Kohle in den Zuschauerraum werfen, denn in einem unbeheizten Raum kann man weder gut spielen noch zuschauen. Spielt man die letzte Vorstellung auf einer Bühne, an die man wieder zurückkehren möchte, so drehe man sich beim Schlussapplaus um und küsse den Bühnenboden. Es bringt Glück einem Anfänger vor seinem ersten Auftritt einen Tritt in den Allerwertesten zu geben (viel hilft viel!).

Ihr seht, man muss höllisch aufpassen um an wirklich Alles zu denken und nicht unbedacht irgendeinen folgenreichen Fehler zu machen und jetzt verstehst Du, geduldiger Leser, vielleicht noch ein bisschen besser, warum ich morgens immer so lange schlafen muss. Vielleicht schüttelst Du jetzt auch den Kopf und fragst dich, ob ich wirklich daran glaube, dass meine Karriere durch Genickbruch endet oder wenigstens die Vorstellung schlecht wird, nur weil ich über die falsche Schulter gespuckt, verträumt ein Lied gepfiffen oder „Macbeth“ gesagt habe. Nein, lieber Leser, das glaube ich selbstverständlich nicht. Denn es gibt zum Glück verschiedene Gegenzauber, mit denen man begangene Verstöße wieder gut machen kann! Unterläuft dem Schauspieler ein Fehler und schwirren wütende Theatergespenster um sein Unglückshaupt, so muss er das Theater verlassen, dreimal um das Gebäude herumgehen und anschließend wieder höflich die Theatergeister um Einlass bitten. Die Theatergeister waren mal Künstler, deshalb freuen sie sich wenn man ihnen schmeichelt. Ich habe noch von keinem gehört, der nicht wieder eingelassen wurde. Wenn es schnell gehen muss kann man sich auch nach links um die eigene Achse drehen und anschließend drei Mal auf Holz klopfen. Einige Kollegen bevorzugen es auch das Haus kurz zu verlassen und laut „Merde!“ zu rufen. Auch das bannt die bösen Geister und macht getane Sünden ungeschehen. Ach, Schluss damit. Ich habe wohl ein bisschen übertrieben.

Nicht alle diese Regeln werden in Wirklichkeit befolgt und ich habe auch noch nicht erlebt, dass jemand ernsthaft deswegen getadelt worden wäre, die Meisten dürften aber zumindest den Schauspielern und Sängern unter Euch bekannt gewesen sein. Die Frage ist doch nicht, was daran wahr ist und wie ernst es genommen wird, sondern warum all diese Regeln und Empfehlungen seit Jahrhunderten weitergegeben werden? Nun gut, die meisten sind ja sinnvoll, sie haben einen ganz praktischen Hintergrund und es ist ja nett solche Alltäglichkeiten in eine Geschichte zu verpacken. Für mich sind es aber nicht nur Märchen. Ich wurde erstmals in meiner Zeit als Kleindarstellerin am Theater zusammengestaucht, weil ich in meinem privaten Mantel quer über die große Bühne gegangen war (zwei Frevel auf einmal!) das war nicht nur eine Standpauke und die Hoffnung auf einen Kasten Bier, es war auch eine Einladung an dieser gemeinsamen Verabredung der Theaterleute teilzunehmen. Der Techniker hatte mich schon oft dort gesehen. Eine Fremde hätte er im gleichen Fall wahrscheinlich nicht angesprochen. Ich habe mit der Zeit mehr und mehr von meinen Kollegen gelernt, oft durch ernsthafte Ermahnung, mit liebevoller Strenge vorgetragen. Und ich befolge einige dieser Regeln bis heute mit viel Freude. Es sind Geschichten und Rituale, die die weisen Kollegen vor meiner Zeit erfunden haben um ihre Angst zu überwinden und sich den Respekt vor ihrem Arbeitsraum zu bewahren, dort eben nicht zu essen, nicht zu pfeifen und verdammt nochmal den Hut abzunehmen. Denn die Bühne ist ein heiliger Raum und das bleibt sie nur, wenn wir sie auch so behandeln. Andere Regeln sind spielerisch und lustig.

Ich für meinen Teil habe meine Anfängertritte gern bekommen. Wieder andere sind irgendwie gruselig und absurd, wie die Kinderpuppe, die immer mit dem Gesicht zum Requisitentisch abgelegt werden soll. Es ist als hätte sich im schottischen Fluch, in der Angst vor den Theatergeistern, vor den Seelen von verunglückten Kollegen, die im Rampenlicht buchstäblich verbrannten, vorm Bösen Blick und dem Teufel eine Prise fast heidnischen, uralten Aberglaubens erhalten. Ich mag das. Ich mag das, weil es mich daran erinnert, dass mein Tätigkeit eine der ältesten der Welt ist, mit Wurzeln die bis ins finsterste Mittelalter zurückreichen (und weit darüber hinaus, wenn man es nicht so eng sieht). Es gibt mir das Gefühl im Dienst einer langen Tradition zu stehen und Teil einer Gruppe zu sein, die ihre eigenen Geschichten und Rituale und Spiele hat. Und es ist auch schön zu wissen, dass die Kollegen vor meiner Zeit genau solche Angst hatten wie ich vor diesem Restrisiko, dass bei jeder Vorstellung mitspielt. Denn irgendwann vergisst man doch seinen Text. Und zwar richtig, nicht so ein kurzer Hänger, dann ist Schicht im Kopf und keine Information außer Schuhe binden steht zur Verfügung. Irgendwann kommt eben der Tag und es passiert ein Unfall, rutscht der Rock hoch, rutscht man aus, fällt die Perücke vom Kopf vor hunderten von Leuten. Ich würde viel tun, um das nicht wieder erleben zu müssen. Denn leider bin auch ich schon vom Pferd gefallen und es war furchtbar! Also nur für den Fall, dass es die Theatergeister wirklich gibt und sie für diese peinlichen Zwischenfälle verantwortlich sind, dann kann es wirklich nicht schaden sich mit ihnen gut zu stellen. Oder nicht?

Es gibt viele Kollegen, die nichts mehr von diesem Humbug halten, Junge wie Alte. Der alte Aberglaube scheint sich in den Schatten zurückzuziehen. Vielleicht nehmen ja gerade homöopathische Halstabletten seinen Platz ein, ich weiß es nicht. Fest steht aber, ich habe schon viele Theateratheisten kennengelernt, die an nichts von alledem glauben, nur das wenigste überhaupt kennen, die sich nach dem Toi! Toi! Toi! bedanken und dann über mein Erschrecken spotten, aber ich habe noch keinen auf einer Bühne „MACBETH!“ sagen hören.

Von WLT-Schauspielerin Sophie Schmidt