Sophie Schmidt #6: "Vom Überleben kurz über der Straße oder auch Mein Leben – Der Bus"

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Ach Leser, wie ist es dunkel drauß`. Wie nass, wie kalt! Der Herbst ist da und Herbst ist Hauptsaison. Das kommt daher, dass scheinbar Oktoberwind und Novemberregen die Menschen viel eher ins Theater treiben, als der Sonnenschein. Vielleicht wurden auch in den Fünfziger Jahren ausgerechnet in den Silvesternächten wesentlich mehr Kinder gezeugt als sonst wann, und so kommt es, dass zum Beginn der kalten Jahreszeit sehr viele Großmütter und Großväterchen Geburtstag haben. Zu diesem Geburtstag bekommen sie dann Theaterkarten und deshalb müssen wir im Herbst sehr viel arbeiten. Was schon anklingt spreche ich gerne deutlich aus, lieber Leser: Ja, Großmütter und Großväterchen bilden, nicht ausschließlich, aber doch den soliden Grundstock unseres Publikums. Darüber sind wir gar nicht unglücklich! Böse Kollegen sagen Dinge wie: “Heute spielen wir vorm Blumenkohlfeld.”, aber ich sage so etwas nicht. Senioren ziehe ich für meinen Teil, publikumsmäßig, den meisten Schulklassen vor. Sie sind aufmerksam, gebildet, wohlwollend, bis auf die klanglichen Folgen diverser Erkältungssymptome, ruhig und auch höflich. Ich habe bis jetzt noch während keiner Aufführung vor reifem Publikum Ausrufe wie: “Ausziehen!” oder ein chorisches “Ohhh!” gehört. (das rufen Jugendliche nämlich manchmal, wenn sie mit der Beinfreiheit einer Schauspielerin oder einer Sterbeszene nicht einverstanden sind) Außerdem habe ich mir überlegt, dass man ja bei schlechtem Wetter auch nicht so gut in den Garten gehen kann, wo also hin? Ins Theater.

Leser, sei nicht böse! Ich habe ein bisschen übertrieben, weil ich das Wort Großväterchen so schön finde und weil ich gerne übertreibe. Das Publikum ist meistens ganz gut gemischt, bei Schülervorstellungen senkt sich der Altersdurchschnitt rapide, bei den Boulevardkomödien steigt er eben an. Aber das ist gar nicht wichtig! Worauf ich eigentlich hinauswollte war, dass wir im Herbst sehr viel unterwegs sind. Wir fahren in eine fremde Stadt, spielen dort und fahren zurück. Das heißt bei uns Abstecher. Bleiben wir über Nacht am Spielort sagt man folgerichtig Übernachtungsabstecher. Das ist landestheatertypisch, denn wie der Name schon sagt, sind wir fürs Land zuständig, werden in der Hauptsache auch vom Land finanziert und fahren folglich über Selbiges. Wir sind eins von den Landestheatern, die besonders viel unterwegs sind, und im Vergleich dazu recht wenig “zu Hause” spielen. Zu Hause ist die Stadthalle Castrop-Rauxel, samt unserem Studio am Europaplatz.

Unser Bus fährt dem Himmel sei Dank oft erst nachmittags ab. Und das ist gut, denn nachmittags bin ich wach. Manchmal, bei Übernachtungsabstechern in besonders ferne Städte fährt er nämlich früher, als normalerweise Probenbeginn wäre, quasi mitten in der Nacht. An dieser Stelle sende ich mein tiefes Mitgefühl und größte Bewunderung an die Kollegen vom Kinder- und Jugendtheater, die manchmal schon früh um Sechs in den Bus steigen müssen, und die deswegen allesamt harte Hunde sind! Auch die Mädchen!

An solchen Tagen radelt man also mitten in der Nacht über die neblige B235, die Augen zu Schlitzen verengt, Finger und Ohren angefroren, unglücklich zum Theater, in der ständigen Angst, der Bus könne ohne einen abfahren. Das Gefühl kennst Du, lieber Leser, vielleicht noch vom Schulbus. Man kommt also knapp aber pünktlich an, grüßt freundlich den Busfahrer (!!!) und lebt fortan im Theaterbus, unter räumlich effizienten Bedingungen als Teil einer sensiblen Sozialstruktur. Es gibt eine zarte, ungeschriebene Sitzordnung, Schauspieler sitzen eher hinten, wo geredet wird, in der Mitte kommen Gastdarsteller und Ankleiderinnen, die restlichen Gewerke sitzen lieber vorn, auch der Regieassistent. Also, wenn er mal sitzt. Der Normalzustand des Regieassistenten auf Abstecher ist das hastige Hin- und Herlaufen auf dem Gang. Er weiß potenziell alles und wird deswegen viel gefragt und damit man selber nicht aufstehen muss schreit man seine Frage der Einfachheit halber durch den Bus. Wenn er Musik hört oder schläft, hört er manchmal nicht gleich. Dann muss man doch aufstehen und ihn kräftig schütteln, manche bringen auch kleine Eimerchen voller Elritzen um ihn an seine Pflichten zu erinnern. Der Regieassistent ist sehr gut zu uns. Er füttert uns mit Keksen. In den Sekunden, in denen wir kauen, kann er dann ein bisschen schlafen. So kommt jeder auf seine Kosten. Apropos Ernährung, im Bus ernährt man sich aus dem kleinen Brotbüchsenbuffet, kurz KBB. Es ist natürlich keine Pflicht, aber doch üblich, zu teilen, was man mitgebracht hat. Ich werde Dir sagen, hungriger Leser, wo Du welche Speisen erhalten kannst. Liebst Du Kuchen, so gehe zu den Damen von der Garderobe, Kekse gibt es bei den männlichen Schauspielern und bei, Du weißt schon wem. Die Maskenbildnerinnen und Schauspielerinnen können dich mit Sellerie, Paprika, Möhren, Apfelschnittchen und anderen Köstlichkeiten versorgen. Hustenbonbons und Käsebrote haben eigentlich alle. Dazu reichen wir Tee und Schnapspralinen. Du siehst, für das leibliche Wohl ist bestens gesorgt!

Schwieriger wird es bei der Verstauung lästiger Extremitäten. Glücklich, wer zwei Sitze für sich allein hat! Alle anderen bewohnen mit ihrem Sitzpartner und zwei Reisetaschen für viele endlose Stunden eine winzige Fläche und genießen mindestens den Komfort eines Dachsbaus. Nein, das ist zu hart. Man kann es sich schon einigermaßen bequem machen, wenn man sich parallel zum Sitznachbarn in einer leichten Schräge anordnet, das rechte Beine anwinkelt und sich aneinander anlehnt. Richtig, Leser! Natürlich kann man auch ganz normal sitzen. Ja. Aber nicht ewig.
Leser, ich möchte Dir ein Geheimnis anvertrauen, aber nur wenn Du versprichst, es nicht weiterzusagen! Versprichst Du es? Gut, Leser. Also: ich habe herausgefunden, wie man im Theaterbus schlafen kann. Vorausgesetzt man hat zwei Sitze. Also: dein Rücken muss, wie sonst auch üblich in die Horizontale, direkt an die Sitzkante, mit dem Kopf zum Gang. Jetzt musst Du deine Hüfte etwa 90 Grad Richtung Decke eindrehen. Das untere Bein klemmst Du oben zwischen Ablage und Gardinenstange und bindest es mit etwas Strickwolle fest, den Fuß des Oberen schiebst Du, frisch bestrumpft und vorsichtig zwischen die beiden Sitze vor Dir, dein Knöchel funktioniert wie ein Widerhaken. Das Reisegepäck kannst Du nun in dem Raum verstauen, den deine Beine eben frei gemacht haben. Dann fällst Du auch weich, wenn der Busfahrer einmal bremsen muss. Deine Jacke kannst Du jetzt als Daunendecke verwenden. Der untere Oberarm muss unter deinen Kopf, die zugehörige Hand klemmst Du zwischen Hals und Schulter, die andere Hand unter deine Achsel. Nun musst Du nur noch die Äuglein schließen. Und vergiss nicht ein bisschen zu schnarchen, das ist das Signal für die Anderen, dass man jetzt lustige Fotos von Dir machen kann. Wenn Du dich ausgeschlummert hast, dann kannst Du stricken, lesen oder Text lernen oder starren oder, der allgemeine Favorit, reden!
Zeitsprung.

Wenn wir ankommen, krabbeln wir aus dem Bus und suchen den Bühneneingang. Dazu bilden wir kleine Suchkommandos, die in unterschiedlichen Richtungen ums Gebäude laufen und durch lautes Rufen anzeigen, wenn ein offenes Türchen gefunden ist. Wir strömen in Garderoben. Garderoben heißt in dem Fall Schuhkarton. Es ist etwas eng. Ein bisschen. Maske, umziehen, Einsprechen, Warmmachen, Ansprechprobe oder Soundcheck, durch den fremden Theaterbau streichen und das Foyer besichtigen, mit der Technik fraternisieren. Dafür haben wir immer ein, zwei Stunden Vorlaufzeit. Der Regieassistent huscht durch die Gänge und ruft immerzu Sachen wie: “Soundcheck!”, “Einlass!”,“5 Minuten!”. Auf zur Hinterbühne. Spielen, spielen. Applausordnung. Abschminken. Ich bin ganz stolz auf mich, weil ich heute nicht ausgerutscht bin. Und überhaupt ist alles ganz gut gelaufen. Meistens sind wir voll bis ausverkauft und wenn es dann noch freundlichen Applaus gibt, sind wir ganz zufrieden mit unserem Nachtwerk. Wir hüpfen beschwingt in den Bus. Nun passiert etwas Merkwürdiges in meinem Organismus. Als ich Platz genommen hatte, war ich noch hellwach. Jemand fragte: “Wollen wir noch an der Tanke halten!” Und ich schrie laut: “Jawoll!”. Das weiß ich noch. Wir haben gelacht und über die Vorstellung gesprochen und uns für nachher in der „Atrappe“ verabredet. Dann reißt mich ein kleiner Ruck aus dem Blitzkoma. Der Bus steht an einem Rasthof. Ich stehe auf, (Aufstehen ist manchmal eine sehr, sehr mühselige Arbeit), torkele auf das grelle Licht zu und alles was ich vorm Bierkühlschrank denken kann, ist: “Puh, Bier ist mir jetzt glaub ich zu viel.” Ich entscheide mich folglich für ein Radler. Die Flasche ist recht schwer und steht weit oben. Aber es gelingt mir, sie zum Bus zu schleifen und mit brüchiger Stimme einen der starken, männlichen Kollegen zu bitten, sie für mich zu öffnen. Der Regieassistent ist noch mit den Bieren der anderen beschäftigt, deswegen muss ich ein bisschen warten, aber dann ist meine Odysee endlich beendet. Ich nehme einen Schluck und schaffe es gerade noch so, meine Strickwolle aus der Tasche zu kramen. Mit dem Zuziehen der Schleife um Beinchen und Gardinenstange sinke ich in tiefen Schlaf. Ich träume, dass ich durch einen sehr verschachtelten Bau irre, ich muss ganz dringend zum Auftritt und finde den Weg zu Hinterbühne nicht, es ist wohl ein Alptraum, Leser. Ich höre Leute und plötzlich ist da auf dem Gang ein Kreisverkehr und es weht kalter Wind, ich bin auf einer Straße und da sind bunte Lichter aber kein einziges Auto, nur sehr viele Kaninchen. Hunderte Kaninchen. Tausende. Sie hoppeln an gegen den eisigen Sturm und singen oder schreien viel eher sehr schief und laut „Gute Nacht, Freunde“ von Inga und Wolf. Es ist ganz schrecklich!

Ich blinzele. Die Frau im Radio liest mir die Nachrichten vor. Ihre Stimme ist sehr beruhigend, sie hat so ein rauchiges Timbre… Hm. Und dieser gleichmäßige Sprachduktus, also, sehr angenehm, wirklich. Ich liebe Deutschlandfunk am Morgen. Irgendwann sagt sie: “Es ist halb Zehn, die Nachrichten.” Schon wieder Nachrichten. Und… Halb Zehn?! Ach, Du Schande! Ich rolle mich zur Seite, weil ich durch das Plumpsen auf den kalten Boden etwas schneller aufwache. Empirische Werte. Wie bin ich überhaupt nach Hause gekommen? Ach Leser, ich kann mich an gar nichts erinnern! Schon wieder ein Adrenalinfilmriss! Und schon so spät! Mist. Mist, Mist. Ich muss los. Katzenwäsche, Zähneputzen, Textbuch, Hose, Schuhe, Schlüssel. Mein Gehirn läuft im abgesicherten Modus. Nur an keinen unnötigen Ballast denken! So was wie Portemonnaie oder Handschuhe – unnütz und zeitraubend! Schuhe brauch ich, Schuhe. Da liegen welche. Prima. Ab zur Arbeit. Ich bin sehr pünktlich, quasi auf die Minute. Kaffee. Probe, Pause, Probe, Treppe, Tür, Kühlschrank. Aber was ist das? Leser, Du glaubst nicht, was ich da sehe… Im Kühlschrank steht ein halbes Radler. Als hätte es auf mich gewartet! Es ist sehr schön und noch absolut in Takt. Ach wie gut! Manchmal hält das Theater auch ganz praktische Wunder für einen bereit.

Von WLT-Schauspielerin Sophie Schmidt