Sophie Schmidt #7: "Überlegungen zur Konzentration als Teil des Schauspielhandwerks oder „Oh, ein Fussel!“

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Heute geht es um Gedanken. Ein schönes Thema, lieber Leser, denn es gibt so gute Gedanken. Gedanken wie: „Oh, was für ein schöner Morgen!“ oder praktischere Gedanken wie: „Wenn ich jetzt loslaufe, dann kann ich noch Pfandflaschen abgeben und mir davon Staubsaugerbeutel kaufen.“ oder weise Gedanken wie „Arbeit ist die wärmste Jacke.“.

Denken ist immer gut. Und ich bin froh in einem Beruf gelandet zu sein, in dem man eine Menge denken muss. Immerzu. Denn, wie man nicht Radfahren oder Flöte spielen kann, ohne zu denken, kann man auch nicht spielen ohne zu denken. Überhaupt kann man seine Gedanken zu keinem Zeitpunkt abstellen. Ich hab‘s versucht, es geht nicht! Selbst in der finstersten Nacht findet sich irgendwo noch ein kleiner Gedanke unter meiner Schädeldecke. Und sei es etwas in Richtung: „Hunger. … Kühlschrank.“. Schon das beinhaltet eine gewisse Logik. Man kann sich wohl auf Eines einigen: Denken in allgemeiner, lebenserhaltender Funktion ist überhaupt nicht schwer. Aber leider auch nicht spannend. Keiner bezahlt für solche Gedanken Geld, denn sie sind nicht außergewöhnlich. Die Stückeschreiber, die bekanntermaßen immer Geld brauchten, wussten das, also haben sie sich eine mordsmäßige Bildung draufgeschafft (oder von übereifrigen Müttern und Vätern draufgeschafft bekommen) und dann ganze Gedankenstädte zu Papier gebracht. Leider hatten sie sich ökonomisch ein bisschen verschätzt und erhielten in aller Regel statt Geld nur Anerkennung für ihre außergewöhnliche Art zu schreiben und ihre große gedankliche Leistung.

Und diese tollen Konstrukte muss ich heute ständig nachvollziehen, mitfühlender Leser, immerzu.
Nun sind aber leider meine eigenen Gedanken meistens nur Purzelbäume im Zirkus. Purzelbäume… Hihi. Nein! Stopp! Leser, das war ein Bild. Ein Bild! Ich muss mich jetzt konzentrieren. Also Schluss mit derlei Albernheiten! Es geht jetzt um große Gedanken! Wichtige, wunderschöne Gedanken von schrecklich schlauen, oder schlau gewesenen Leuten. Toten Leuten, mit deren Ideen man schon aus Pietätsgründen sorgsam umgehen möchte. Außerdem will ich mir nicht dumm vorkommen, kluger Leser. Wer möchte das schon?

Also bemühe ich mich, diese Gedanken im Rahmen meiner Arbeit innerlich nachzuvollziehen und sie mit Gefühlen und Assoziationen und solchem Kram zu unterfüttern, um dem Zuhörer die Aufnahme zu erleichtern und im Idealfall noch so etwas wie Vergnügen dabei zu erzeugen. Es empfiehlt sich vorher tief Luft zu holen, damit man beim Zwischenatmen nicht mitten im Satz den Faden verliert und plötzlich an etwas Unnützes, Banales denkt. Seifenblasen. Bunte, schillernde Seifenblasen, die langsam verblassend über eine Blumenwiese tanzen. Also ich finde ja, Leser, dass Seifenblasen mit Abstand das beste Preis-Leistungsverhältnis in der gesamten westlichen Welt haben. So viel Spaß für wenig Geld, oder? Obwohl Spüli nicht so gut geht. Ich habe immer sehr gerne… Leser! Warum hast Du mich nicht unterbrochen? Ich wollte doch etwas ganz Anderes erzählen!

Ich wollte eigentlich vom Scheitern beim Denken auf der Bühne erzählen.
Es gibt Stücke die eine einfache Sprache haben, ein übersichtliches Thema, über die man mit ein bisschen Instinkt hinwegkommt, aber eben auch richtig Gute. Solche Stücke beinhalten komplexe Gedanken, die in ihrer Gesamtheit einen Bogen bilden und zwingend einander bedingen.
Ihnen über einen langen Zeitraum zu folgen, tapferer Leser, fällt mir schwer, weil mir meine Aufmerksamkeit davonspringt, zu Unwesentlichem oder Alltäglichem. Ich habe nur eine kurze Sprechpause und schon denke ich Dinge wie: `Die Blonde guckt gelangweilt. Langweilt die sich? Du muss ein bisschen Gas geben…`. Ich lasse mich so leicht ablenken…
Von einem Zopfgummi um mein Handgelenk, dass ich vergessen habe abzustreifen. Oder von Eitelkeiten. Von Sorgen über Schweißflecken, entblößte Bauchfläche. Oder humorvollen Kostümteilen, die einfach keine Lust haben, tot an mir herumzuhängen, sondern sich lieber am Spielgeschehen beteiligen. Indem sie mir ein Bein stellen, zum Beispiel; an einer Türklinke hängenbleiben; deren Knöpfe sich einer Öffnung stur verweigern, wenn ich mich gerade besonders lässig eines Kleidungsstücks entledigen möchte. Von Schnürsenkeln und Riemen, die sich als Entfesselungskünstler entpuppen, wildgewordenen Reißverschlüssen und hakenbasierten Verschlussmechanismen, die man ohne eine größere Verrenkung unmöglich erreichen kann.
Von irgendeinem Geräusch, Rascheln, Pfeifen, Schritten hinter der Bühne, Husten im Zuschauerraum oder dem Knarzen des Bühnenbodens. Manchmal reißt mich schon eine Fluse – Nein! Keine Fluse, ein Flüschen, ein verhindertes Staubkorn, das im Scheinwerferlicht vor meiner Nase herumschwebt als wolle es mir zurufen: „Ach Sophie, Fliegen ist so schön! Puste mich doch mal an! Hui!“ aus der Konzentration. Apropos Nase. Lieber Leser, vielleicht kannst Du Dir vorstellen, was man denkt, wenn mitten im Stück, auf der Bühne, kurz vor der absolut wichtigsten, intensivsten Stelle, die eigene Nase schrecklich anfängt zu jucken. Unflätige Gedanken denkt man, Leser, Unflätige!

Überhaupt sabotiert mein Körper ständig meine Arbeit. Ich hasse ihn dafür. Ich hasse ihn für Magenknurren, Aufstoßen, Bauchschmerzen. Er ist einfach gemein und lässt nicht mit sich reden. Er gähnt, er will losprusten und mit all den Leuten mitlachen, wenn etwas komisch ist, er hustet und ist außerdem auch sehr zimperlich, wenn es um angestoßene Zehen, gequetschte Finger und angerammte Körperteile geht. All diese lästigen Körperfunktionen muss ich während der Vorstellung unterdrücken. Ich darf nicht auf die lustigen, fliegenden Flusen achten. Ich darf nicht aufschreien, wenn mir jemand auf den Fuß tritt. Ich darf nicht darüber nachdenken, wie das Publikum drauf ist und wenn mir etwas merklich misslingt, dann darf ich mich nicht einmal ärgern oder schämen. Stattdessen muss ich mich konzentrieren auf das eigentlich Wichtige, auf die verdammte Handlung. Und je angestrengter ich es versuche, desto flatterhafter wird mein Geist.

Warum erzähle ich Dir das Alles, Leser?

Vielleicht wollte ich mich bloß schriftlich aufregen über diesen Randbereich allgemeiner Widrigkeiten, die mich bei der Arbeit und beim Denken stören, deren einziger Verursacher ich selber bin und stehle Dir, geduldiger Leser, deine kostbare Zeit. Ja, vielleicht wollte ich mich bloß beklagen und Dir erzählen, wie schrecklich es ist, wenn Du, Leser, im Publikum, mit all den anderen Menschen im Parkett sitzt und noch Geld bezahlt hast, damit wir Dir mit größter Sorgfalt etwas Besonderes zeigen und ich derweil das Gefühl habe, den Abend durch meine unnützen Gedankensprünge zu sabotieren. Eine Aufführung kommt mir immer sehr zerbrechlich vor, so wie deine Aufmerksamkeit. Und am Gelingen des Abends ist uns auf der Bühne aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen so dringend gelegen, dass wir uns ohrfeigen möchten, wenn etwas nicht klappt.

„Ich liebe es, Theater zu spielen. Es ist so viel realistischer als das Leben.“, das hat Oscar Wilde geschrieben. Es ist ein unter Theaterleuten sehr populäres Zitat, das beharrlich in die Spielzeithefte gedruckt wird. Vielleicht ist ja tatsächlich etwas dran.
Auf der Bühne geht es eigentlich überhaupt nicht um Leben und Tod. Es gibt dort keine echte Not, keine echten Schmerzen. Wir versuchen auszusehen als wäre uns entsetzlich kalt, dabei ist es auf der Bühne genauso bullig warm, wie im Zuschauerraum. Das hat mit Realität nichts zu tun. Die Menschen, die im Theater sind, vollziehen gemeinsam die gleiche Situation nach.
Und die ist meistens bereinigt von Störfaktoren, von Autos, die vorbeifahren, Erkältungen, Nachbarn, die klopfen, wenn man sich streitet und Mücken, die ausgerechnet dann auftauchen, wenn man sich gerade zusammen ins Gras gelegt hat.
Das ist doch das Herrliche am Theater, oder nicht? Dass es immer um den Kern der Dinge geht, um Extreme, um Leben und Tod, um Wahrheit und Schönheit. Das ist doch, warum Menschen schreiben und handeln – diese Ideale, die man im echten Leben immer nur erahnen kann.
Mag sein, dass es anderen Menschen nicht so geht, aber mein Alltag ist nie vollkommen wahr und schön. Und lebensbedrohlich schon zweimal nicht. Mein Alltag hält bestenfalls Tendenzen und wahre Augenblicke bereit, ständig verwässert von Dingen wie Schnupfen und Rechnungen. Und wenn es Dir da ähnlich geht, lieber Leser, vielleicht suchen wir beide dann im Theater ein und dasselbe.
Und das herzustellen, eine Geschichte gut zu erzählen, aus einer Not heraus, sich so etwas wie Wahrhaftigkeit zu nähern, das braucht größte Konzentration und klare, scharfe Gedanken. Tatsächlich halte ich die bestmögliche Führung der Gedanken für den Schlüssel zu meinem Handwerk. Und das ist nun einmal ausschlaggebend für das, was Du langweilig findest oder rührend.
Vielleicht, lieber Leser, stört es dich aber auch gar nicht, wenn im Theater eine Panne passiert. Vielleicht findest Du unsere Missgeschicke sogar spannend.
Vielleicht, weil man Fehler eben nicht inszenieren kann und weil sie deswegen immer authentisch sind. Vielleicht sind sie deshalb schön. Vielleicht erreicht man mit einer gewissen Lockerheit genauso viel wie mit verbissenem Ehrgeiz. Vielleicht lässt sich Konzentration nicht erzwingen, wenn sie als Ziel verstanden wird und nicht als Weg. Und vielleicht, guter, geduldiger Leser, macht es ja gar keinen Sinn, sich über etwas so Praktisches wie Theater so viele Gedanken zu machen? Vielleicht ist alles ganz einfach.

Und sich Gedanken über Gedanken zu machen ist auch irgendwie bescheuert, fällt mir grad auf. Ich möchte jetzt viel lieber Gummibärchen essen. Das solltest Du auch tun, lieber Leser, wenn Du einmal nicht weiterkommst. Schaden kann es ja nicht und wenn es nicht schadet, dann muss es wohl helfen.

Ein guter Gedanke.

Von WLT-Schauspielerin Sophie Schmidt