Thomas Zimmer #1: Wir tun, was wir können!

Hallo, liebe Leser, und willkommen zu einem neuen Blog!

Neu, weil uns Sophie Schmidt, deren Kolumne Sie in den letzten Jahren hier lesen konnten, mit Beginn der Spielzeit verlassen hat. Wir wünschen ihr alles Gute und freuen uns, sie noch als Gast in einigen Produktionen bei uns zu haben. Ihre Stelle als Bloggerin allerdings ist vakant und bedarf eines oder mehrerer Nachfolger. Ich mache mal den Anfang: Hallo! Thomas Zimmer, Schauspieler und seit anderthalb Jahren im Abendtheater-Ensemble. Los geht’s!

Das Jahr ist noch frisch, unsere Silvester-Doppelvorstellung noch nicht lange her, und wir sind schon wieder fleißig am proben. In einigen Tagen ist Premiere unseres neuen Stückes Er ist wieder da, einer Bühnenadaption des Bestsellers von Timur Vermes.

„Das richtige Stück zur richtigen Zeit“, wie die Ruhr Nachrichten in ihrem Vorbericht schreiben.

Warum das?

Es ist die Zeit von Hogesa, von Pegida und all ihren Ablegern. Besorgte „Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen“-Wutbürger aus der „Ich-hab-nichts-gegen-Ausländer-aber“-Mitte des Volkes ziehen durch Deutschlands Straßen, um eine Islamisierung zu bekämpfen, die es nicht gibt. Was zehn Jahre Mord und Totschlag der NSU nicht schafften, schafft ein Anteil von 0,2 % an Muslimen in Sachsen – er mobilisiert den „Volkszorn“.

Plötzlich sind sie wieder salonfähig, die alten Bezeichnungen: Volksverräter. Lügenpresse. „Wir sind das Volk“, rufen sie, als wüssten sie nicht, was diese Worte mal bedeutet haben.

Und wir vom Theater feiern Premiere mit einer Satire über die Auferstehung Adolf Hitlers. Über seinen Erfolg, auch und gerade in der „Mitte des Volkes“. Es geht um Verführbarkeit, Manipulation, um alte Geister, die nicht ruhen wollen.

Gerade jetzt. Als hätte die Premiere irgendeine so geniale wie zynische Marketingabteilung auf diesen Termin gelegt. Was sie nicht hat. Es ist Zufall und es passt. Leider. Wie hieß es noch vor kurzem bei der AfD? „Leider ist es viel früher passiert, als wir gehofft hatten.“
Der Führer wäre entzückt.

Ich verstehe Pegida und ihre Anhänger nicht. Ich verstehe sie emotional nicht. Ich verstehe nicht, wie man in einem reichen Land wie Deutschland nicht begreifen kann, dass es uns, trotz aller Probleme und trotz der Armut, die es in diesem Land zweifelsfrei gibt, immer noch tausendmal besser geht, als den armen Schweinen, die vor Krieg und Terror zu uns geflüchtet sind und alles verloren haben.

Denn um nichts anderes geht es. Trotz ihres verschwurbelt-hochtrabenden Namens reden die Anhänger dieser Bewegung, wenn man sie fragt, um was es ihnen eigentlich geht, nie davon, dass sie „patriotisch“, „abendländisch“ und „gegen Islamisierung“ sind. Es geht um andere Dinge. Um alles Mögliche: Warum soll ich für Asylanten zahlen, wenn ich kaum Rente kriege? Was scheren mich Flüchtlinge, wenn es deutschen Schulen an Geld mangelt? Und kann nicht endlich mal jemand schuld sein, dass mein Leben nicht so verläuft, wie ich das will?

Die Menschen bei Pegida mögen Sorgen und Nöte haben, vielleicht auch Angst. Das will ihnen niemand absprechen. Aber sie denken nicht nach. Sie werfen alles durcheinander, vergleichen Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, verkennen ihre Ursachen und wollen die wahren Sachverhalte im schlimmsten Fall gar nicht kennen. Es ist einfacher, sich Sündenböcke zu suchen. Und so stören sie sich nicht daran, dass sie Seite an Seite mit bekennenden Neonazis und Rassisten demonstrieren und dass der ehemalige Anführer ihrer Bewegung ein vorbestrafter Krimineller ist. Ein inländischer.

Nun ist Pegida nicht „das Volk“. Die Anzahl der Gegendemonstranten deutschlandweit ist viel höher. Zum Glück. Und wer weiß, ob die vielen Medienberichte dieser Bewegung nicht mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen, als ihr gebührt? Ich nicht.

Pegida ist ein Sammelbecken für Frustrierte aller Art, und diese Frustrierten stürzen sich auf die Schwächsten, die sie finden können. Was Besseres kann dem „System“, das sie so vehement bekämpfen wollen, gar nicht passieren. TTIP schert niemanden, solange mir „der Asylant“ alles wegnehmen will.

Es ist widerlich. Und ja, auch insbesondere, weil es in Deutschland passiert. Es wird erwähnt, in Zeitungen von Rom bis nach New York.

Was ist da nur los?

Dazu geht mir ein Gedanke durch den Kopf. Einer von vielen und nicht erst seit heute. Aber seit einiger Zeit verstärkt: Könnte es sein, dass es uns Deutschen immer noch schwer fällt, unverkrampft mit unserer Nationalität umzugehen? 70 Jahre nach Kriegsende, und 9 Jahre nach unserm Sommermärchen?

Ich habe das Gefühl, Debatten über unsere Nationalität, übers Deutsch-Sein, über deutsche Identität, Kultur etc. werden, egal ob von links oder von rechts, meist emotional, unsachlich und mit wenig Raum für Zwischentöne geführt. Klar, wir schwenken unsere Flaggen und sind Weltmeister. Und Papst. Und Lena. Aber ist das schon alles?

Rechte Parteien wie die NPD und ihre Anhänger betreiben Geschichtsrevisionismus. Sie relativieren deutsche Kriegsverbrechen, die deutsche Kriegsschuld und betreiben eine Politik der Ausgrenzung und des Fremdenhasses unter dem Vorwand, dass es ihnen um „Deutschland“ gehe. Was auch immer genau sie damit meinen.

„Kämpferische“ Linke, so wie ich sie oft erlebt habe, negieren dagegen häufig alles, was mit „Deutschland“ zu tun haben könnte. Mit 20 sah ich im linken „Café Ché“ meiner Heimatstadt Wiesbaden einen Boykottaufruf hängen. Es ging gegen die Band M.I.A., der man aufgrund ihres Songs „Was es ist“ nationalistische Tendenzen nachsagte. Ausgerechnet. Albern genug, endete der Aufruf mit den Worten „Deutschland ist nicht cool – für etwas Besseres als die Nation.“ Was auch immer genau sie damit meinten.

Das sind beides extreme Tendenzen, aber sie reichen hinein bis in die vielbeschworene Mitte der Gesellschaft und machen eine sachliche und vernünftige Auseinandersetzung mit dem Thema schwierig bis unmöglich. Und so endet es meistens damit, dass viele Menschen, die nicht rechts, nationalistisch und fremdenfeindlich sind, sich von wenigen Menschen, die es sind, vorschreiben lassen, was „deutsch“ ist und woraus „Deutschland“ besteht.

Rechte beschwören die „Nation“ und Linke propagieren „Internationalität“, ohne eine Nation, die es dafür braucht, haben zu wollen. Dazwischen die vielen Menschen, die sich für dumm verkauft fühlen. Ja, auch ich.
Integriert euch!, rufen wir den Fremden zu, auch denen, die gar keine Fremden sind, und wissen gar nicht, wie das aussehen soll. Wie sollen sie sich in etwas integrieren, von dem wir selber nicht sagen können, worin es besteht?

Ist es nicht so: „Ehrenmorde“ sind Unrecht und gehören genauso gesühnt wie alle anderen Verbrechen. Für manche ist das Kruzifix in der bayerischen Dorfschule ein ebensolches Ärgernis wie das Kopftuch. Natürlich muss Israel kritisiert und Mohammed gezeichnet werden dürfen. Und ja, natürlich ist es sinnvoll, die Sprache des Landes, in dem man lebt, zu beherrschen. Genauso, wie ein paar Fremdsprachen zu lernen. Und eine Moschee zu besuchen, wenn man wissen möchte, wie es da so ist.

Ich habe mich mit 20 auf den Antifa-Demos schon gefragt, warum nicht auf unseren Plakaten stand: „Hier marschiert der nationale Widerstand“. Und zwar der Widerstand gegen das, was damals natürlich noch nicht Pegida hieß. Ich fragte mich, warum wir ihnen nicht zuriefen, nein, nicht ihr seid „Deutschland“, wir sind es! Wir, die wir weltoffen, tolerant und bunt sind! Die wir Flüchtlinge willkommen heißen und mitfühlend sind. Und ja, per Zufall eben auch deutsch!

Pegida glaubt, für die „guten“ Deutschen zu sprechen. Weil die „guten“ Deutschen, weil wir ihnen nicht widersprechen. Vielleicht sollten wir damit anfangen.

Wir tun, was wir können. Am 31.01. probieren wir es mal wieder mit ein bisschen Theater.

Ich freue mich, Sie zu sehen!

Bis zum nächsten Mal!

Von WLT-Schauspieler Thomas Zimmer

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