Interview mit Yasmina Ouakidi

“Das Stück regt an, über Verständnis nachzudenken und sich selbst zu fragen, wie schnell man Menschen verurteilt.”

Die Berliner Autorin Yasmina Ouakidi hat den Interkulturellen Literatur-Workshop ‚In Zukunft III‘ mit dem Einwandererdrama „Spiegelblicke“ gewonnen, das am 1. April am Westfälischen Landestheater (WLT) seine Uraufführung feiert.
Yasmina Ouakidi ist in Deutschland geboren als Kind deutsch-algerischer Eltern. Sie studierte Erziehungswissenschaften, Spiel-und Theaterpädagogik. Seit 2013 studiert sie biografisches und kreatives Schreiben an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Ouakidi arbeitet u.a. als freiberufliche Theaterpädagogin mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und hat bereits einige Stücke für das Kinder- und Jugendtheater geschrieben. „Spiegelblicke“ ist ihr erstes Stück für das Abendtheater.

WLT: Wovon handelt das Stück und warum sollte man es sich angucken?

- Yasmina Ouakidi: Das Stück regt an, über Verständnis nachzudenken und sich selbst zu fragen, wie schnell man eine Meinung hat, wie schnell man Menschen verurteilt oder Urteile über sie hat –ohne zu wissen, wer das wirklich ist, den man da vor sich hat. Wenn man darüber nachdenken will, dann lohnt es sich, das Stück anzusehen. Denn das betrifft eigentlich fast alle Figuren im Stück.
Im Stück geht es um die äußerlich erfolgreiche Schauspielerin Malika, die aber tief in sich drin sehr gebrochen und einsam ist. Obwohl das erst bei genauerem Hinsehen zu erkennen ist. Es geht um Freundschaft, um Tod und Abschied und es geht auch um die Frage: Lässt sich alles im Leben wirklich klären? Oder gibt es einfach Dinge, die immer ungeklärt bleiben?
Ich glaube nicht daran, dass die Zeit alle Wunden heilt. Ich glaube, es gibt bestimmte Wunden, die sind nicht zu heilen, die sind zu tief. Ich glaube, dass Malikas Vater Wunden hat, die sind unheilbar. Wenn jemand so tiefe Wunden hat wie diese Vaterfigur, dann ist es auch schwer jemand anderes diese Wunden zu vermitteln.

WLT: Wie war die Arbeit im Workshop für dich?

- Ouakidi: Der Workshop war eine Bereicherung, besonders durch die regelmäßigen Termine. Trotzdem war die Arbeit ein Prozess mit Höhen und Tiefen. Welche Figur hat welchen Ton? Wie hart darf eine Figur sein, wo ist ihr schwacher Punkt? Soll ich die Figuren erlösen oder bleiben sie unerlöst? Was ist realistisch? Welche Möglichkeiten gibt es das Schweigen zu erzählen? Genau die Fragen, die das Stück aufwirft, haben mich im Prozess beschäftigt und manchmal auch gequält.
In dem Workshop sind viele tolle Leute zusammengekommen. Die Auseinandersetzung mit den Texten war eine sehr kritische Auseinandersetzung. Aber gerade deshalb war es auch sehr bereichernd, weil man wusste, wenn etwas für gut befunden wurde, dann war es auch so gemeint. Es war zum Teil auch kontrovers. Die Meinungen waren unterschiedlich, wie die Teilnehmer selbst. Ihre Meinungen hatten natürlich einen Einfluss und man muss auch lernen zu filtern, welche Kritik nehme ich an? Denn am Ende musst du die Geschichte alleine finden und schreiben. Die anderen sind allenfalls Leute, die man nach dem Weg fragen kann.

“Für die Nicht-Migranten bist du eine Migrantin und für die Migranten bist Du keine.”

WLT: Was hat dich dazu bewogen, an dem Workshop teilzunehmen?

- Ouakidi: Ich bin vom Beruf Theaterpädagogin, ich schreibe gerne. Und habe auch immer sehr viel geschrieben für Jugendgruppen. Das Improvisationsmaterial war die Grundlage für mein Schreiben, das inhaltlich den Wünschen und Potenzialen der jeweiligen Gruppe entsprechen musste. Ich wollte auch gerne außerhalb eines theaterpädagogischen Rahmens schreiben und mich weiterentwickeln und bin durch Zufall auf die Ausschreibung der „In Zukunft III- Werkstatt“ gestoßen. Ich fand es gut, dass man zu keinem Thema gedrängt wurde und interessant war für mich auch der Ansatz des politischen Schreibens. Mich hat interessiert, was genau damit gemeint ist? Was ist politisches Schreiben für die Bühne? Ich habe erst überlegt, ob ich mich bei der Werkstatt anmelden kann, darf, weil ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Im klassischen Sinne bin ich also keine Migrantin. Da waren ja auch viele Teilnehmende, die tatsächlich migriert sind, ich bin ja gar nicht wirklich migriert. Wobei ich mich innerlich oft fühle wie jemand, der migriert ist. Im klassischen Sinne des Wortes aber bin ich keine Migrantin, ich habe nur die Migrationsgeschichte im Hintergrund und bin deshalb so aufgewachsen als wäre ich eine. Ich habe auch bis zum 20. Lebensjahr noch die algerische Staatsangehörigkeit gehabt und keine Deutsche. Für die Nicht-Migranten bist du dann immer eine Migrantin und für die Migranten bist Du immer keine.

WLT: War Spiegelblicke auch die Idee, die du eingereicht hast?

- Ouakidi: Ja, das war ungefähr die Idee. Es gab diese Geschichte, die ich unbedingt über den Vater erzählen wollte. Und es gab die Figur eines Türstehers. Es war aber sehr viel subtiler. Es war fast so wie eine Steinmetz-Arbeit, wie herausmeißeln um zu der Geschichte zu kommen. Und vielleicht hätte ich auch noch ein halbes Jahr weiterschreiben können und vielleicht wäre noch etwas anderes rausgekommen. Ich weiß es nicht genau.

“Den eigenen Text auf der Bühne zu sehen ist seltsam.”

WLT: Wie hat sich die Idee zu Spiegelblicke entwickelt?

- Ouakidi: Es gab einen konkreten Auslöser für die Geschichte. Es gab ja vorletztes Jahr Silvester diese Kölner Hauptbahnhof Geschichte. Alle hatten eine Meinung dazu und alle glaubten ganz genau zu wissen, was passiert ist. Es wurde ge- und verurteilt über Menschen mit denen kaum jemand persönlich gesprochen hatten. Ab da hatte ich auf einmal den Drang, unbedingt schreiben zu müssen. Die Thematik des abgestempelt und in eine Ecke gedrängt zu werden hat mich berührt.

WLT: Was ist es für ein Gefühl, die Umsetzung nun mitzubekommen? Und wie wichtig ist es dir, dass du auch deine Meinung zur Umsetzung sagen darfst?

- Ouakidi: Ich bin ja schon bei der Leseprobe gewesen, aber heute bin ich zum ersten Mal bei der Probe, wo auch richtig gespielt wird. Und es ist interessant zu sehen, wie mein Stück nun auf der Bühne lebendig wird. Ich hatte bei der (Regisseurin) Katrin (Herchenröther) von Anfang an ein gutes Gefühl. Ich finde, dass sie sich dem Stück mit sehr viel Sensibilität nähert.
Ich habe jetzt ja noch nicht alles gesehen, sondern nur Ausschnitte und es ist ja auch nur eine Probe. Ich kann noch nicht viel sagen außer, dass ich gespannt bin und dass ich den Austausch zwischen Ensemble und Schreibenden sehr begrüße. Den eigenen Text auf der Bühne zu sehen ist aber auch seltsam, denn du hörst die Geschichte und die Stimmen natürlich im Kopf anders. Und jetzt sind da Schauspieler, die alleine durch ihre Physis eine eigene Geschichte mitbringen. Und das vermischt sich jetzt.

WLT: Was bedeutet die Uraufführung für dich und mit welchem Gefühl gehst du in die Uraufführung hinein?

- Ouakidi: Mit sehr gemischten Gefühlen: Es ist schon eine Unsicherheit da. Klar habe ich mich auch gefreut, dass es als Siegerstück des Wettbewerbs ausgewählt wurde. Aber man weiß nie, wie ein Stück bei den Zuschauern ankommt. Gehen sie mit den Figuren mit? Ist es ihnen zu schwer? Aber ich bin sehr gespannt und werde natürlich vor Ort sein und mir ansehen, wie mein Stück auf der Bühne umgesetzt wird.

Über das Stück “Spiegelblicke”

Malika ist eine gefeierte Schauspielerin. Ihre arabischen Wurzeln verleugnet sie, der Ruhm überstrahlt alles. Doch nach einer Preisverleihung taucht ein Kindheitsfreund auf und zwingt sie, sich der verdrängten Vergangenheit und den verschleierten Feindseligkeiten zu stellen. So begibt sie sich auf die Suche nach ihrem algerischen Vater, der selbst seinen Dämonen nicht entkommen kann.
Weitere Infos zur Produktion gibt es hier.