In „Die Zertrennlichen“ wächst eine große Freundschaft

13.10.2026 Wie könnte die Geschichte von Romeo und Julia heute klingen? Eine mögliche Variante erzählt das neue Kinder- und Jugendstück am Westfälischen Landestheater „Die Zertrennlichen“ für alle ab 10 Jahren. Zwischen dem Franzosen Romain und dem Mädchen Sabah, das algerische Wurzeln hat, wächst ein enges Band der Freundschaft. Doch der Rassismus der Eltern überschattet die Zuneigung der Kinder. Im Interview erzählen Regisseurin Dalila Niksic (links im Bild) und Ausstatterin Christina Kirk, was das preisgekrönte Stück so besonders macht. Premiere ist am 24. Oktober im WLT-Studio.
„Die Zertrennlichen“ erhielt den Deutschen Kindertheaterpreis. Welche besonderen Qualitäten hat das Stück?
Dalila Niksic: Das Stück erzählt auf sehr schöne, poetische und atmosphärische Art und Weise eine Freundschaftsgeschichte, die konkret ist, aber gleichzeitig eine Allgemeingültigkeit hat. Es ist quasi eine Art moderne Romeo und Julia-Erzählung. Wobei ich aber gar nicht mal so interessant finde, dass es tatsächlich um das Thema Liebe geht, sondern eher um die Entwicklung dieser Freundschaft.
Die Geschichte basiert darauf, dass beide Kinder Eltern mit gewissen Vorurteilen haben. Die Kinder sind in der Geschichte noch sehr jung und verstehen überhaupt nicht, was die Aussagen, die sie zueinander treffen, die sie einander an den Kopf werfen, bedeuten. Das finde ich sehr wichtig: Es passiert dabei wenig aus dem eigenen Denken der Kinder und Jugendlichen, sondern viel durch das, was von Erwachsenen inhaliert und direkt wieder ausgespuckt wird. Und das ist in Bezug auf Rassismus sehr gefährlich.
Christina , du hast selbst Kinder. Warum ist „Die Zertrennlichen“ ein tolles Stück für Kinder?
Christina Kirk: Ich finde das Stück so schön, weil man merkt, dass der Autor die Kinder ernst nimmt. Es ist auf Augenhöhe geschrieben, in einer poetischen, intelligenten Sprache. Gleichzeitig wird aber auch gezeigt, wie leicht Kinder miteinander in Kontakt kommen oder wie wörtlich sie die Welt nehmen. Man könnte denken, dass die Szenen wirklich teilweise von einem Neunjährigen beschrieben werden, weil es so empathisch geschrieben ist wie Kinder agieren und denken. Gleichzeitig ist es aber nicht flach. Es ist sehr schön eingefangen, was für Gedanken sich Kinder über die Welt machen.
Was für Charaktere sind Sabah und Romain?
Dalila Niksic: Die beiden Charaktere sind gegensätzlich, sonst ist es ja auch nicht interessant. Sabah ist ein Typus: Kopf durch die Wand. Sie ist ein sehr selbstbewusstes und starkes Mädchen, die teilweise natürlich noch unter ihren Eltern steht und sich dessen auch bewusst ist. Romain ist ähnlich wie Sabah ein sehr einsamer Junge. Das ist tatsächlich eine Tatsache, die die beiden verbindet, dass sie sich irgendwie allein fühlen. Deswegen flüchten sie sich auch gerne in eine parallele Welt der Fantasie, was beide unglaublich miteinander verbindet. Romain ist der Träumer, der Gedankenverloren. Er ist derjenige, der häufiger mal kurz nachdenkt und sich nicht ganz so schnell impulsiv unter Druck setzen und provozieren lässt, sondern eher ruhig bleibt.
Die Freundschaft der beiden wird überschattet vom Rassismus ihrer Eltern. Was macht das mit den beiden?
Dalila Niksic: Was mir aufgefallen ist an dem Stück ist, dass sie sich mit den Dingen, die sie aufschnappen, selbst auch austesten, indem sie diese Wörter nachsprechen. Für sie ist gar nicht so klar, was für ein Konzept hinter Rassismus steckt. Das ist noch ein Rumprobieren und gucken: Was ist da dran? Was stimmt für mich? Was sagen andere? Man merkt, dass sie ihre eigene Identität entwickeln, sowohl um sich abzugrenzen, aber auch um dazu zu gehören. Es ist auch ein bisschen der Reiz des Verbotenen, den man dahinter merkt, ohne es aber bewusst zu reflektieren. Was im Laufe des Stücks passiert ist, dass diese ersten Reflexionsprozesse angestoßen werden. Sie werden noch nicht zu Ende geführt, weil sie eben auch noch sehr jung sind. Aber es entsteht irgendwie ein grobes Bild oder Verständnis davon, was es bedeutet, Rassist zu sein.
Ist es ein trauriges Stück?
Dalila Niksic: Es ist schon ein trauriges Stück. Das Ende bleibt aber, glaube ich, der Fantasie überlassen. Da appelliert das Stück an das, was auch beide Kinder haben, eine Fantasie, die Welt zu ergänzen. Es gibt Momente im Stück, die nicht einfach sind, aber es ist gleichzeitig auch sehr lustig. Die beiden und deren Beziehung kennenzulernen, macht sehr viel Spaß.
Christina Kirk: Ich finde, es ist so eine Traurigkeit, die auch normal ist im Leben von Kindern, die zum Leben dazu gehört, wenn sie zum Beispiel nach dem Kindergarten auf unterschiedliche Schulen gehen und dass man so einfach Freunde verliert, ohne dass es einen großen Grund gibt.
Dalila, bei der Leseprobe sagtest du, dass es vielleicht ein Gespräch geben wird mit einem algerischen Bekannten. Gab es das schon und wenn ja, was sind die Erkenntnisse daraus?
Dalila Niksic: Wir haben zwei Spielende auf der Bühne, die den Hintergrund nicht haben, den das Stück bedient. Uns war es wichtig, aber wir sind leider nicht fündig geworden, weil das natürlich auch relativ konkrete Profile sind. Deswegen sind wir bemüht, Menschen zu finden, die Kooperationen mit uns eingehen möchten. Und wir haben schon einen Menschen gefunden. Er hat mir viel erzählt aus seiner Perspektive, über algerische Kultur, über Algerien und Frankreich. Unter anderem hat er gesagt: Algerier sind hochnäsig, aber im positiven Sinne. Was in der Kultur, durch die Geschichte Algeriens eine sehr große Rolle spielt, findet sich im Stück bei Sabah im Charakter wieder. Sie lässt sich nicht unterkriegen und lässt nichts auf sich sitzen.
Christina, deine Ausstattung beinhaltet verschiedene Ideen. Magst du uns einmal erzählen, wie du die Bühne anlegst und warum?
Christina Kirk: Also, die Idee für die Bühne war es, dass es Mittel sind, die Kinder benutzen, um sich eine Welt zu bauen und eine Geschichte zu erzählen, wie Kinder es vielleicht machen würden, wenn sie ,Als ob‘ spielen. (Anmerk. der Redaktion: Symbolspiel, auch Fiktionsspiel oder Als-Ob-Spiel, ist die Bezeichnung für eine Spielgattung, bei der Szenen des Umwelterlebens oder der Vorstellung sinnbildlich nachgeahmt und in ein Spielgeschehen umgesetzt bzw. Spiele mit Sinnbildcharakter praktiziert werden.) Das heißt, wir haben Kissen und Matratzen, so wie man sie im Kinderzimmer im schönsten Fall auch findet. Wir haben einen Paravent, der sich schnell verschieben lässt, der sich so von einer Hochhauskulisse zu einem Gebäude zu verschiedenen Zimmern sehr flexibel gestalten lässt und der auch viele Möglichkeiten bietet für Licht- und Schattenspiele.
Dalila, ich denke mit Freude an deine Inszenierungen am WLT zurück, zuletzt an deinen umjubelten „Theatermacher“. Worauf darf sich das Publikum bei „Die Zertrennlichen“ freuen?
Dalila Niksic: Ich glaube, in dem Stück ist für jeden etwas Interessantes dabei, weil es viel mit unserem Alltag zu tun hat und dabei Themen verbindet. Es verbindet Freundschaft mit Schwierigkeiten, die Gesellschaft mit politischen Themen. Das Publikum kann sich sehr viele Themen rauspicken, die einen vielleicht auch gerade umtreiben. Den Vergleich einer modernen Romeo und Julia-Version finde ich auch wirklich sehr passend. Doch nochmal der Appell: Ich finde, dass die Freundschaft sehr viel interessanter ist als die Liebesgeschichte.
Foto: Dubray/Juskowiak
