So kennen Sie Fitzeks „Das Kalendermädchen“ noch nicht

WLT bringt Fitzeks Thriller auf die Bühne
Mit „Das Kalendermädchen“ bringt das Westfälische Landestheater Sebastian Fitzeks Thriller auf die Bühne. Der Roman verbindet drei Zeitebenen und erzählt von traumatischen Erlebnissen in einem Internat, Schuld, Adoption und deren Folgen. Im Interview spricht der Regisseur Christian von Treskow über die Herausforderung, diese komplexe Geschichte auf der Bühne zu bringen.
Was hat dich an der Vorlage für die Inszenierung besonders fasziniert?
Das Buch hat eine sehr kühne Zeitstruktur. Es gibt drei Zeitebenen, die miteinander verwoben sind. Manchmal weiß man gar nicht so richtig, in welcher Zeitebene man sich befindet. Am Anfang fand ich das irritierend, später fand ich es eigentlich ganz gut, weil man gemerkt hat: Das hat mehr mit dem Kopf der Protagonistinnen zu tun, mit Olivia und Valentina.
Valentina ist schwer traumatisiert durch ihre Kindheits- beziehungsweise Jugenderlebnisse im Internat. Dadurch bewegt sich bei ihr alles durcheinander. Ich finde, das nimmt den Leser mit. Das war für mich der interessanteste Aspekt des Ganzen.
Wie übersetzt man eine solche Struktur auf die Bühne?
Man muss, wenn man einen Roman auf die Theaterbühne bringt, nicht filmisch, sondern theatral denken. Wir mussten einen Raum finden, der auf allen drei Zeitebenen funktioniert. Das Ganze bewegt sich über einen Zeitraum von 21 Jahren. Eine Einheit von Raum und Zeit kann man da nicht herstellen. Man muss sie einfach behaupten.
Deshalb ist der Bühnenraum eine Art Traumraum, ein Vorstellungsraum. Irgendetwas zwischen sakralem Raum, Lost Place, alter Hotelhalle und Fabrikraum. Er ist undefiniert, was er eigentlich wirklich ist. Mehr eine Art Bewusstseinsraum für diese Figuren. Das bedeutet auch, dass die Inszenierung nicht versucht, alle Effekte des Romans nachzubauen. Denn diese Möglichkeiten der Verästelungen und Umwege hat man auf dem Theater nicht. Man muss eher in langen Szenen versuchen, diese Geschichte zu erzählen, anstatt die ganze Action nachzubauen.
Blutspritzen, Messerschüsse, Erhängen und so weiter kommen auf der Bühne nicht vor. Gewalt wird nur erzählt beziehungsweise symbolisch dargestellt. Wenn man sich darauf einlässt und fantasiebegabt ist, denke ich, wird es gelingen, die Zuschauerinnen und Zuschauer auf diesen Trip mitzunehmen.
Du hast eben den Bewusstseinsraum angesprochen, was meinst du damit konkret?
Man muss sich ein Stück weit öffnen und versuchen, dieses Verstehenwollen und Interpretierenwollen auch einmal abzulegen. Uns wird von Kindheit an beigebracht zu fragen: Was will der Künstler eigentlich damit sagen? Vielleicht will der Künstler aber nur das sagen, was auf der Bühne ist. Und vielleicht ist das schon die Aussage.
Man muss nicht immer alles verstehen. Man muss sich dem einfach mal hingeben. Das gilt generell für die Kunstbetrachtung, natürlich auch für Film und Theater. Ein Meister darin ist David Lynch. Bei seinen Filmen wird man sofort sagen: Das verstehe ich nicht. Und trotzdem hat dieser Mann große Berühmtheit erlangt.
Theater ist ein Kunstort und wir müssen uns bemühen, das auch als solchen zu erhalten. Ich glaube, dass man damit einen Beitrag leisten kann, indem man auch ein bisschen an der Verrätselung arbeitet.
Du hast bei der Leseprobe auch von magischem Realismus gesprochen. Wie zeigt sich das in der Inszenierung?
Bei Fitzek gibt es Präsenzen im Raum, die man mehr spürt oder erahnt, als dass man sie wirklich sieht.
Vielleicht sind diese ganzen Gestalten ja auch irgendwie Geister und dieses ganze Stück eine einzige Heimsuchung.
Ganz konkret arbeiten wir viel mit Soundscapes, also elektronischen Toncollagen. Das ist auch schon in der Textfassung angelegt. Das Ganze hat ein bisschen etwas wie ein Hörspiel. Das macht es, glaube ich, besonders.
„Kalendermädchen“ verhandelt schwere Themen. Wie entsteht daraus trotzdem ein unterhaltsamer Theaterabend?
Die Leute gehen seit 2000 Jahren ins Theater, um Tragödien anzuschauen. Und das ist natürlich auch Unterhaltung. Selbst wenn man schwere Schicksale auf der Bühne verhandelt, heißt das ja nicht, dass es langweilig ist.
Spannung wird es auf jeden Fall geben. Letzten Endes ist es natürlich auch ein Kriminalroman. Es geht um schwere Gewalttaten an Jugendlichen, die Jahrzehnte später noch ihre Auswirkungen auf die Menschen haben.
Natürlich gibt es auch Figuren, die den Comic Relief tragen. Gerade bei diesen Themen sollte man den Humor nicht vergessen und nicht verlieren. Zum Beispiel die Figur des Elias, des Computer-Nerds, der die humoristische Seite des Stücks trägt. Er verfolgt dabei eine eigene Agenda und ist stark in die Geschichte involviert.
Wer den Roman kennt, kennt die Auflösung. Was erwartet diese Zuschauerinnen und Zuschauer?
Der ganze Schluss ist im Roman sehr ausufernd. Die Autoren der Theaterfassung haben sich deshalb starke Abweichungen vom Original erlaubt. Die Theaterfassung ist in Zusammenarbeit beziehungsweise Absprache mit Sebastian Fitzek entstanden. Es gibt bewusste Zuspitzungen, Vereinfachungen und Theatralisierungen.
Die ganz überraschende Wendung, wer tatsächlich dahintersteckt, bleibt natürlich gleich.
Das Kalendermädchen
Sebastian Fitzek
für die Bühne bearbeitet von Christian Scholze
Öffentliche Generalprobe am WLT
Sonntag 4. Oktober
Castrop-Rauxel Stadthalle
18:00 Uhr
Uraufführung im Rahmen von "Mord am Hellweg"
Samstag 10. Oktober
Hamm Kurhaus
19:30 Uhr
Weitere Vorstellung am WLT
Samstag 7. November
Castrop-Rauxel Stadthalle
20:00 Uhr
Ticketverkauf für Castrop-Rauxel: an der Theaterkasse, unter der Telefonnummer 02305.978020, per E-Mail unter tickets_at_westfaelisches-landestheater.de oder online