6.2.2026 Der Filmklassiker Harold und Maude von 1971 entfaltet in der Produktion des Westfälischen Landestheaters großes Potenzial für die Bühne – nicht nur wegen einiger spezieller Effekte, an denen Ausstatter Marc Mahn (links im Bild) getüftelt hat. Im Gespräch mit ihm und Regisseur Kristoffer Keudel entpuppt sich der Stoff als Appell an Toleranz und ermuntert dazu, Unterschiede zu respektieren.
Erst einmal eine Frage an Sie beide. Was macht in Ihren Augen den Charme dieser Geschichte aus, sodass sie auch noch nach über 50 Jahren zu amüsieren vermag?
Marc Mahn: Eine Liebesgeschichte kann man immer erzählen, besonders unkonventionelle Liebesgeschichten. Vielleicht ist das auch gerade jetzt ein aktuelles Thema: verschiedene Formen der Liebe und der Zuneigung. Das andere ist der komödiantische Aspekt mit diesem sehr außergewöhnlichen Hobby von Harold, sich auf besondere Weise mit dem Tod zu beschäftigen. Die Kombination finde ich klasse.
Kristoffer Keudel: Es ist eine wirklich rührende und ganz besondere Liebesgeschichte eines ungleichen Paares. Dieser Altersunterschied berührt immer noch ein Tabu, glaube ich. Und eigentlich gibt es noch ein weiteres, zumindest kontroverses Thema: selbstbestimmt aus dem Leben zu gehen. Das Stück hat liebenswerte, skurrile Charaktere. Was die Geschichte für mich noch ausmacht: Sie gibt ein hervorragendes Beispiel für Toleranz. Das Stück feiert die Liebe und das Leben. Obwohl eine Titelfigur so morbide Hobbys pflegt und beide sich ständig auf Beerdigungen herumtreiben.
Der Film von 1971 gilt bis heute als Kult: Wie ist es, mit so einer berühmten und prägnanten Vorlage konfrontiert zu sein, wenn man etwas Neues erschaffen möchte?
KK: An dem Film kommen wir nicht vorbei. Aber wir spielen die Theaterkarte und die Vorteile dieses Mediums aus, also die Nähe des Publikums zum Geschehen und zu den Figuren. Das gestalten wir in einer eigenen Ästhetik. Die Ästhetik stellt einerseits eine Verbindung zu der Entstehungszeit des Films her, also retro, andererseits ist sie konzentriert und zeitgemäß. Auch die Figuren sprechen in einer gegenwärtigen Sprache. Trotz der prägnanten filmischen Vorlage wird es kein Museums-Theater.
Herr Keudel, in der Leseprobe sagten Sie, dass Sie in Ihrer Produktion auch ein besonderes Augenmerk auf die Nebenfiguren legen möchten. Was ist der Grund dafür?
KK: Wir könnten auch sagen, die Nebenfiguren legen ein besonderes Augenmerk auf die Titelfiguren, die natürlich im Zentrum stehen. Das Stück heißt: Harold und Maude. Aber die anderen Figuren sind es wert, beleuchtet zu werden und sie haben ebenfalls meine Sympathie. Es geht viel darum, wie merkwürdig und eigenartig Harold und Maude in den Augen der anderen sind. Dabei sind die anderen Figuren vielleicht selbst skurril oder legen Harold und Maude gegenüber ein nachvollziehbares, aber auch eigenartiges Verhalten an den Tag. Der junge, exzentrische Harold entwächst diesem Umfeld. Maude, reich an Lebenserfahrung, hat ihre ganz eigene Sicht auf Konventionen, Moral und Regeln. Aber sie zeigt uns auf eine unerhört sympathische Weise, wie wir trotz unterschiedlicher Ansichten, respektvoll miteinander umgehen und im Gespräch bleiben können. An ihrer Großherzigkeit und Großzügigkeit nehmen sich die anderen Figuren und somit auch wir ein Beispiel.
Im Film spielt die Musik von Cat Stevens, heute Yusuf Islam, eine besondere Rolle. Wie musikalisch wird Ihre Inszenierung?
KK: Cat Stevens hat damals einige Titel extra für diesen Film komponiert und die funktionieren super für den Film. Trotzdem habe ich entschieden, für unsere Theaterversion einen Soundtrack aus Titeln vor allem anderer Musikerinnen und Musiker zusammenzustellen. Für mich ist das Stück wie ein Reigen. Die Musik holt uns ab und setzt uns in die jeweils nächste Szene. Und trotzdem spielt ein Titel von Cat Stevens in der Inszenierung eine zentrale Rolle. Und das wird in einer Form der Fall sein, die vielleicht überraschen wird.
Herr Mahn, Sie haben sich in dieser Inszenierung mit allerlei Effekten beschäftigt. War das neu für Sie und was waren die Herausforderungen?
MM: Das kommt ja schon vor im Theater, dass man mal Effekte hat und visuell irgendetwas austüftelt, was dann eine bestimmte Wirkung entfaltet auf der Bühne. Aber hier ist es wirklich viel. Das ist schon eine Herausforderung. Es kommt mir aktuell in etwa so vor, als müssten wir eine Zaubershow auf die Bühne stellen. Für die Effekte müssen alle Gewerke sehr gut miteinander zusammenarbeiten: die Tischler und Maler, die technische Leitung und die Bühnentechnik, Ton, Licht und Kostüm, Maske. Die Deko-Schneiderei stellt Objekte so her, dass das funktioniert und auch reproduzierbar ist. Denn es muss ja bei jeder Vorstellung zuverlässig klappen. Damit die Kommunikation mit den Gewerken funktioniert, kam ich auf die Idee, jeden Effekt einmal zu zeichnen. Das hatte ich jetzt so in der Form eigentlich noch nie im Vorfeld.
KK: Die Zeichnungen sind nicht nur sehr charmant, sondern hilfreich, um zu gucken, ob wir alle über das Gleiche sprechen. Und ich freue mich, wie engagiert und konstruktiv die Kolleginnen und Kollegen aus allen Abteilungen mit uns an der Verwirklichung gearbeitet haben.
In welcher Zeit siedeln Sie die Ausstattung der Inszenierung an und warum?
MM: Wir haben uns entschieden, die Geschichte wie im Film Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre zu erzählen. Letztendlich könnten wir die Geschichte in jeder Zeit spielen lassen, weil sie irgendwie zeitlos ist. Aber ich finde es reizvoll, es ein bisschen aus der jetzigen Zeit zu nehmen und in einer etwas älteren Ästhetik zu erzählen. Es ist eine dankbare Zeitspanne, in der sich die Leute schick und skurril anziehen lassen.
Worauf darf sich das Publikum aus Ihrer Sicht besonders freuen?
KK: Mal abgesehen von der feinen Botschaft, die das Ganze hat, ist es kein Stück für eine Schublade. Es ist einerseits eine lustige, mitunter bizarre Komödie, aber wir erleben auch diese wundervolle, unkonventionelle und teilweise tragische Liebesgeschichte. Ein bisschen philosophisch und nachdenklich wird das auch. Aber das sehe ich eher als Angebot oder als Anstoß. Ich glaube, es wird eine Freude sein, bei diesem Theaterabend mitzufühlen und mitzudenken. „Harold und Maude“ wird – mit drei Worten: richtig gute Unterhaltung.
Die Komödie „Harold und Maude“ feiert am 14. Februar vor ausverkauftem Haus im WLT-Studio Premiere. Weitere Vorstellungen in Castrop-Rauxel finden statt am Freilicht-Wochenende „Bühne raus …!“ am 12. und 13. Juni 2026 jeweils um 19.30 Uhr. Tickets sind erhältlich online, auf der WLT-Website und an der Theaterkasse unter tickets@westfaelisches-landestheater.de oder telefonisch unter Tel.: 02305-97 80 20.
Fotos: Volker Beushausen