Interview mit Can Dündar II

WLT: Wir können uns vorstellen, dass du dich manchmal traurig oder allein fühlst. Wie gelingt es dir, positiv zu bleiben?
Can Dündar: Wenn ich wirklich traurig bin, lese ich Geschichtsbücher oder Biographien. Sie machen mich glücklich, sie helfen mir, wieder aufzustehen. Sie erinnern mich daran, dass ich nicht der Erste bin und auch nicht der Letzte sein werde, gegen den ein Staat so hart vorgeht. Es gab so viele Menschen in der Geschichte, die bedroht, attackiert und verhaftet wurden, die ins Exil geschickt oder sogar umgebracht wurden. Aber sie waren mutig genug, sich dem entgegensetzen. Ohne Kampf kannst du nichts erreichen. Führer wie Hitler, Stalin oder auch Erdoğan haben keinen Respekt verdient. Aber was ist mit Che Guevara oder Nelson Mandela?
Dank ihres Mutes und Widerstandes, leben wir heute zumindest teilweise in einer freien Welt.

WLT: Die Gesellschaft neigt dazu, sich meist nur an die schlimmen Momente der Geschichte zu erinnern. Hier in Deutschland, wenn man die AfD betrachtet, sagen wir „Geschichte wiederholt sich“. Aber wenn man dir zuhört, sollte man niemals die Hoffnung verlieren.
Can Dündar: Letztlich hängt alles von deiner Einstellung ab. Davon wie du die Welt siehst. Vor einigen Monaten war ein Treffen der AfD in Berlin, aber zur gleichen Zeit gab es zahlreiche Demonstrationen gegen die Partei. Du musst das ganze Bild betrachten, das macht dich vielleicht optimistischer. Natürlich ist es nicht immer einfach positiv zu bleiben, du musst dich bemühen, aber das ist es wert. Vergiss nicht, dass in Berlin einmal eine Mauer stand, die das Land, Familien und Freunde voneinander getrennt hat, aber wie du siehst, können auch die stärksten Mauern zum Einsturz gebracht werden. Deshalb sind Geschichtsbücher so wichtig für mich, weil sie mir zeigen, dass aus Dunkelheit Licht werden kann.

WLT: Wenn du an die Türkei und Erdoğan denkst, was fühlst du? Glaubst du, dass sich die Situation ändern wird?
Can Dündar: Es kommt auf unseren Widerstand an, den wir leisten. Ich glaube nicht, dass irgendwelche Aliens aus dem Himmel kommen und Erdoğan mit auf einen anderen Planeten nehmen. Das wäre schön, aber es wird nicht passieren. Deshalb hängt alles von uns ab. Ich bin sicher, dass er gehen wird. Ich habe noch nie einen Führer gesehen, der lange Zeit geblieben ist. In der Türkei widersetzt sich ihm mindestens die Hälfte der Menschen und ich bin sicher, dass wir seine Angriffe überstehen werden. Aber natürlich müssen wir dafür kämpfen.

WLT: Christian hat uns erzählt, dass es sehr wichtig für dich war, dass deine Frau Dilek ein Fokus des Stücks sein wird.
Can Dündar: Normalerweise liegt die Aufmerksamkeit immer auf mir. Tatsächlich aber verdient sie viel mehr, weil sie mir immer in dieser schweren Zeit hilft. Sie leidet mehr als ich. Sie ist die wahre Heldin in dieser Geschichte. Im Moment leidet sie sehr, aber wir trauen uns nicht, das zu zeigen, weil es so viele Menschen gibt, die im Gefängnis sitzen und das durchstehen müssen. Diese Menschen müssen wir verteidigen. Durch Christian und sein Theaterstück wird meine Frau mehr in den Mittelpunkt gestellt. Wir können zeigen, was unsere Familie durchlebt. Es ist eine große Chance. Ich bin Christian sehr dankbar, dass er Dilek diese Bedeutung in seinem Stück beimisst.

WLT: Deine Frau ist sicherlich genauso gespannt auf das Projekt wie du.
Can Dündar: Oh ja, das ist sie. Sie hat mit den Schauspielerinnen und Schauspielern via Skype gesprochen und war so aufgeregt. Sie hat mich ständig gefragt, was sie sagen, was sie antworten soll. Du kannst es dir vorstellen, wir sind als Familie nicht zusammen, aber Christians Stück hilft uns, wieder zusammenzukommen – zumindest auf der Bühne.

WLT: Eine letzte Frage. Was sind deine weiteren aktuellen Projekte hier in Deutschland?
Can Dündar: Ich schreibe weiterhin für meine Kolumne in „Die Zeit“. Außerdem verfasse ich Beiträge für die Website des Maxim-Gorki-Theater und drehe Videos für Cosmo, mache Dokumentationen für ARTE und ZDF. Und ich habe zwei Buchprojekte. Ich liebe Schreiben. Schreiben ist mein Hafen, mein Überleben. Wenn ich Stift und Papier habe, ist alles möglich. Ich fühle mich dann sicher.

Für Kartenreservierungen wenden Sie sich bitte an unsere Theaterkasse: Vanessa Meiritz, 02305 – 978020 oder meiritz@westfaelisches-landestheater.de.

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