Nico Dietrich eröffnet mit "Heimsuchung" Spielzeit 2026/27

12.8.2026 Im preisgekrönten Roman “Heimsuchung” erzählt die Autorin Jenny Erpenbeck deutsche Geschichte von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus und die DDR bis hin zur Wiedervereinigung anhand eines Hauses am Brandenburger Scharmützelsee. Der neue Intendant des Westfälischen Landestheaters, Nico Dietrich, eröffnet seine erste Spielzeit am 22. August in der Stadthalle Castrop-Rauxel mit seiner eigenen Theaterfassung des Jahrhundertromans. Im Interview weckt er Neugier auf einen aufregenden Theaterabend.

Herr Dietrich, in „Heimsuchung“ agieren auf der Bühne insgesamt 31 Figuren, gespielt von acht Schauspielerinnen und Schauspielern. Welche Figuren gefallen Ihnen persönlich besonders und warum?

Über ein Jahrhundert beziehen mehrere Familien und damit mehr als 30 Figuren das Grundstück und das Haus. Sie suchen dort ein Heim oder gar eine Heimat, doch alle Versuche sind zum Scheitern verurteilt. Alle werden von ihrer Zeit und der Gesellschaft, in der sie leben, heimgesucht.
Am eindrucksvollsten sieht man das am Schicksal der kleinen Doris. Das zwölfjährige jüdische Mädchen wird 1938 mit ihrer Familie von ihrem Teil des Grundstückes vertrieben und am Ende in einem Vernichtungslager erschossen. Und das nur, weil der Nachbar, ein nationalsozialistischer Architekt, sein Grundstück aus Habgier erweitern wollte und der NS-Staat ihm rechtlich die Möglichkeit dafür gab. Und da all das wirklich passiert ist, berührt das noch einmal ganz besonders. Das Buch ist im Übrigen der realen Doris Kaplan gewidmet.

Sie haben die Theaterfassung des Romans gemeinsam mit Tanja Weidner geschrieben, als eine der ersten in Deutschland. Im Buch gibt es wenig wörtliche Rede. Wie sind Sie als Theaterautoren damit umgegangen?

Am Anfang stand die Frage: Wie setzt man so einen so komplexen und eher nicht für das Theater gedachten Roman um? Erzählt man Auszüge daraus oder widmet man sich dem ganzen Roman? Wir haben uns aus zwei Gründen für die komplette Erzählung entschieden. Erstens ist der Roman Abiturstoff und wir wollten den Schülerinnen die Möglichkeit geben, den kompletten Roman und ein Jahrhundert deutsche Geschichte in Spiel, Bühne und Kostüm zu erfahren. Zweitens wollten wir ein Ensemblestück schreiben, in dem sich das gesamte Ensemble des WLT-Abendtheaters mit großartigen Rollen präsentieren kann.

Die Bühne, so viel darf man verraten, zeigt kein Haus im klassischen Sinne. Was waren Ihre Grundideen bei der Gestaltung des Bühnenbilds?

Wir befinden uns an einem zugewachsenen Grundstück mit einem alten Steg zum See. Ein Ort, der eher an einen Friedhof als an ein mondänes Wochenendgrundstück erinnert. Den Mittelpunkt der Bühne bildet ein großes, drei Meter hohes Holztor. Mal dient es als Stalltür, mal als Güterwaggon oder Versteck im Warschauer Ghetto. Die beleuchtete Leinwand dahinter kann wie ein Portal ins Jenseits wirken. In diesem geisterhaften Setting erstehen die Figuren eines ganzen Jahrhunderts wieder auf.

Sie selbst sind in den 80er und 90er Jahren im Land Brandenburg aufgewachsen. Was verbinden Sie persönlich mit der Geschichte von „Heimsuchung“?

Ich bin 1979 in der Stadt Brandenburg an der Havel geboren. Ich wuchs also zehn Jahre meines Lebens in der ehemaligen DDR auf. Das war ein komplett anderer Staat mit anderen gesellschaftlichen Regeln und Gesetzen. Meine Familie und ich erlebten ab 1989 am eigenen Leib die gesellschaftlichen Umbrüche der Wiedervereinigung mit all ihren Konsequenzen: Verlust der Arbeitsplätze, Entwertung der Ostmark, Rückgabe von Grundstücken und Immobilien, Nichtanerkennung von Rentenansprüchen. Das hinterließ nicht nur in meiner Familie viele Spuren, die leider bis heute noch das Leben und Verhalten in Brandenburg prägen. Dabei wird oft übersehen, was seit der Wiedervereinigung mit dem Aufbau Ost alles geleistet wurde. Und dass man heute in einem sicheren Rechtsstaat lebt, in dem man sich seinen Beruf und den Wohnort frei aussuchen kann. Man darf seine Meinung frei äußern und kann so leben, wie man möchte, ohne gleich verhaftet oder staatlich schikaniert zu werden.

„Heimsuchung“ ist Abiturstoff 2027/2028. Was denken Sie, können junge Leute von dieser Geschichte lernen?

Erst einmal ist dieser Text eine große Herausforderung auch für junge Menschen. Er setzt viel geschichtliches Wissen voraus. Ich habe schon einige Jugendliche gesprochen, die meinen, dieses Abiturthema ist in sich schon eine “Heimsuchung“. Tagesaktuell ist das Thema Flucht und Vertreibung. Die Suche nach einer Bleibe, einem Heim, beschäftigt alle Figuren. Niemand verlässt hier freiwillig sein Heim. Alle werden dazu gezwungen. Am Ende sind selbst das Grundstück und das Haus, also alles Materielle, nur geborgt und können nicht auf die Flucht oder ins Jenseits mitgenommen werden.

Warum, denken Sie, wird “Heimsuchung” ein guter Theaterabend für das Publikum?

Ich denke, es wird ein aufregender, atmosphärischer, inhaltlich anspruchsvoller und emotional packender Abend mit beeindruckenden schauspielerischen Leistungen des gesamten WLT-Ensembles. Zusammengefasst empfinde ich die Produktion “Heimsuchung” zur Spielzeiteröffnung als ein politisches Statement für das WLT. Wir starten die neue Intendanz nicht mit einem Well-made-Play, sondern mit einem herausfordernden Roman über Flucht und Vertreibung, über Habgier und Neid und die dadurch ausgelösten Kriege. Ich freue mich auf diesen besonderen Spielzeitbeginn, der intellektuelle Unterhaltung, Literatur und politischen Anspruch verbindet. Es wird ein unkonventioneller Start.

  • Tickets für die Premiere am 22. August um 20 Uhr in der Stadthalle Castrop-Rauxel sind während der Theaterferien bis 17. August online erhältlich.
  • Im Anschluss an die Premiere lädt die neue WLT-Theaterleitung zu einer öffentlichen Premierenfeier mit Getränkeausschank im Stadthallen-Foyer ein, um sich kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Foto: Jochen Quast