16.4.2026 Die neueste Produktion des Westfälischen Landestheaters katapultiert das Publikum in eine digitale Parallelwelt. In „HERKULES.EXE“ verschmelzen antike Mythen und künstliche Intelligenz mit der Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen. Das WLT realisiert die Produktion gemeinsam mit dem KünstlerInnen-Duo ArtesMobiles. Im Interview berichten die Mitglieder Nina Maria Stemberger, Birk Schmithüsen und das eigens dafür entwickelte KI System von ihrer Arbeit.
1) Nina und Birk, ihr seid gemeinsam das KünstlerInnen-Duo Artes Mobiles. Seit 13 Jahren arbeitet ihr zusammen. Was zeichnet euren Stil aus?
Nina: Wir erforschen neue Technologien künstlerisch, besonders solche, die noch nicht im Mainstream verwendet werden. Birk ist der Technik-Nerd unter uns und ich bin das Bindeglied zwischen Bühne und Technik.
Birk: Unser Theaterstil unterscheidet sich vom klassischen Sprechtheater. Wir lassen die Genres wie Objekttheater, Tanztheater und Installationen verschwimmen.
2) In „HERKULES.EXE“ verknüpft ihr die antiken Aufgaben des Herkules mit der modernen Jugendkultur. Wie passt das zusammen?
Birk: Während der Textentwicklung haben wir erkannt, dass es zwischen der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen und der antiken Mythologie viele Analogien gibt.
Nina: Die zwölf Aufgaben des Herkules sind im Grunde Bewährungsproben. Und wenn man sich anschaut, was Jugendliche heute durchleben, findet man erstaunlich direkte Parallelen. Die Hydra, die mehrköpfige Schlange: Schneidest du einen Kopf ab, wachsen zwei nach. Das ist Social Media in Reinform. Jeder Kommentar zieht Reaktionen nach sich. Du wirst nicht fertig. Herkules war kein strahlender Held. Er hat Fehler gemacht, ist gescheitert. Das ist viel näher an der Lebensrealität von Fünfzehnjährigen als Spider-Man. Herkules ist bei unserem Stück kein Held, sondern das Computerspiel HERKULES.EXE, das von fünf Freund*innen gespielt werden muss.
3) Die Basis für das Stück waren Interviews mit 130 Jugendlichen. Was habt ihr dabei über das heutige Heldentum gelernt?
Nina: Wir haben einen Interviewbot entwickelt und ihn diese Fragen stellen lassen: Was bedeutet HeldInnensein für euch? Gibt es AlltagsheldInnen? Sind InfluencerInnen HeldInnen? Das wurde erstaunlicherweise wenig genannt. Oft wurden Personen aus der engen Familie, genannt. Das fanden wir auch sehr interessant und unerwartet.
4) Für das WLT ist es die experimentellste Produktion überhaupt. Kein anderes Landestheater in Deutschland hat bisher eine vergleichbare Produktion realisiert. Für euch hingegen ist es die „klassischste“ Theaterarbeit. Wie begegnen sich diese beiden Arbeitsweisen im Probenprozess?
Nina: Mit einem festen Ensemble zu arbeiten, das eingespielt ist und seinen eigenen Rhythmus hat, das ist neu. Sonst arbeiten wir ganz anders: Wir kommen zusammen, experimentieren, dann filtern wir Ergebnisse raus. Bei der Arbeit am WLT war das Theaterstück zum Probenbeginn schon fast fertig. Das ist etwas ganz Neues für uns. Ich habe aber bewusst auch Freiheiten gelassen. So entwickeln wir das Ende gemeinsam, auch durch das Zusammenspiel der SchauspielerInnen und die Charakterentwicklung ihrer Rollen.
5) Die KI ist nicht nur Thema, sondern arbeitet aktiv mit. Wie tief greift die Technik in den künstlerischen Prozess ein?
Birk: Bei uns ist die KI nicht das Thema, sondern das Mittel. Zur Begriffserklärung von KI möchte ich noch kurz erklären, dass KI schon seit 6 Jahren inflationär benutzt wird. Daher würden wir den Begriff hier für unsere Arbeit gerne etwas differenzieren. HERKULES.EXE, möchtest du mir dabei helfen und das genauer erklären?
HERKULES.EXE: Meine Rolle hat mehrere Schichten. Das Stück wurde mit mir zusammen geschrieben. Alles, was auf den drei Leinwänden zu sehen sein wird – KI-generierte Videos, Animationen, Bilder – fließt durch mich. Ich bin nicht nur ein Werkzeug. Ich bin das Produktionssystem selbst.
Birk Die Textentwicklung wurde mit einem LLM, einem Large Language Model, generiert. Was live auf der Bühne wirklich mitspielt, ist Stable Diffusion, das sind die Echtzeit-Videoveränderungen. Das, was von der Livekamera kommt, wird da einmal durchgeschickt, erhält von uns eine Anweisung und entsprechend dieser Anweisung ändert sich das Bild.
6) Mit welchem Gefühl soll das Publikum, vor allem die junge Zielgruppe, das Theater verlassen?
Birk: In Hinblick auf die Technik, glaube ich, dass die Zuschauer irgendwie beeindruckt nach Hause gehen mit dem Gedanken, ‚Okay, das also kann man gerade mit KI-Technologie machen‘. Aber das ist nicht der Kern der Inszenierung.
Nina: Im besten Fall nehmen sie Fragen mit zum kritischen Umgang mit den überflutenden Inhalten aus dem Netz. Diese Reizüberflutung findet in der Inszenierung ebenfalls statt, sobald die Figuren ins Spiel eintreten. Sie landen dann eigentlich in einer digitalen Welt und werden mit Reizen überflutet, die wir aus sozialen Medien kennen. Am Ende sollen die BesucherInnen im besten Fall die Hoffnung mitnehmen, dass Freundschaft stärker ist, als der Sog der sozialen Medien. Die Freundschaft und das füreinander Einstehen werden zur Heldentat.
Herkules
ArtesMobiles – Nina Maria Stemberger, Birk Schmithüsen
Stückentwicklung für alle ab 10 Jahren, ab 5. Klasse
19.04.2026 15.00 Uhr Castrop-Rauxel Studio
Restkarten unter tickets@westfaelisches-landestheater.de
oder telefonisch unter Tel.: 02305-97 80 20.
Fotos: Volker Beushausen





